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Die Hohe Schlüsselblume und ihre Verbreitung im Südwestfälischen Bergland

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1. Einleitung

Die Hohe Schlüsselblume Primula elatior zählt zur Gattung der Primeln (Primula). Der Gattungsname leitet sich vom lateinischen Wort prima (="die Erste") ab und bezieht sich auf den frühen Blütezeitpunkt in den Monaten März und April. Aufgrund ihrer hellgelben Blütenfarbe und den in der noch kurzen Bodenvegetation relativ auffälligen Blütenständen gehört die Hohe Schlüsselblume zu den bekannteren heimischen Pflanzenarten. Aufgrund ihrer Attraktivität ist sie relativ häufig in Gärten zu finden. Früher fand sie darüber hinaus Verwendung als Heilpflanze. Ihr attraktives Aussehen und ihr Bezug zur Lebenswelt des Menschen machen es lohnenswert, die Hohe Schüsselblume zu kennenzulernen. Dieser Beitrag informiert über die wichtigsten Aspekte der Biologie und Ökologie von Primula elatior sowie über ihre Verbreitung im Südwestfälischen Bergland (Sauer- und Siegerland).

Abb. 1: Primula elatior an einem Standort bei Nachrodt-Einsal. Foto: Chr. Schwerdt, April 2009.

2. Die Hohe Schlüsselblume Primula elatior - Artportrait

2.1 Systematische Einordnung und Familienmerkmale

Primula elatior zählt zur Familie der Primelgewächse (Primulaceae) innerhalb der Heidekrautartigen (Ericales). Schwestergruppe der Primelgewächse sind die vorwiegend in den Tropen der alten Welt verbreiteten Ebenholzgewächse (Ebenaceae). Bei den Primelgewächsen handelt es sich grundsätzlich um Kräuter oder Stauden mit Grund- oder wechselständigen Blättern. Nebenblätter (Stipeln) sind nicht vorhanden (STÜTZEL 2002). Krone und Kelch sind verwachsenblättrig und in der Regel fünfzählig. Die Blütenformel beträgt *K(5) [C(5) A5] G(5). Das Blütendiagramm ist unten abgebildet (Abb. 1).

Abb. 2: Das Blütendiagramm der Primulaceae. Aus: STRASSBURGER (1900).

Die Gattung Primula zeigt das blütenbiologische Phänomen der Heterostylie. Bei der Heterostylie sind innerhalb einer Art zwei verschiedene bestäubungsbiologische Morphen ausgebildet. Eine dieser Morphen besitzt lange Griffel und kurze, in der Kronröhre verborgene Staubgefässe, während es sich bei der anderen genau umgekehrt verhält (STÜTZEL 2002). Heterostylie trägt als effektiver morphologischer Mechanismus dazu bei, dass Selbstbestäubung verhindert wird. Neben der Heterostylie besteht eine genetische Selbstkompatibilität, welche zusätzlichen Schutz gewährleistet (STÜTZEL 2002).

2.2 Merkmale

Bei der Hohen Schlüsselblume handelt es sich um eine mehrjährige krautige Pflanze. Je nach Alter kann sie in einer Vegetationsperiode eine Höhe von 10 bis 30 cm erreichen. Die Abbildungen 1 und 2 zeigen zum Vergleich ein junges und ein älteres Exemplar unserer Art. Abbildung 3 zeigt eine Habituszeichnung der Pflanze mit für die Artbestimmung wichtigen Blüten- und Blattmerkmalen.

Abb. 3: Junges Exemplar der Hohen Schlüsselblume auf einer aufgegebenen Wiese in der Heimecke bei Altena. Foto: Chr. Schwerdt.

Abb. 4: Älteres Exemplar der Hohen Schlüsselblume aus dem Garten des Verfassers. Foto: Chr. Schwerdt.

Abb. 5: Aufbau der Hohen Schlüsselblume mit einigen wichtigen Strukturen und Merkmalen. Zeichnung: Chr. Schwerdt.

Primula elatior ist eine Rosettenpflanze, was bedeutet, dass alle Blätter zu einer Rosette gedrängt am Stengelgrund stehen (vgl Abb. 1 und 5). Die Blätter sind eiförmig bis eiförmig-länglich und runzelig. Die schwefelgelben, trichterförmigen Blüten sitzen an einer endständigen Dolde. Sie besitzen keine roten Schlundflecken und duften nicht oder nur sehr schwach. Kelch und Krone sind fünfzählig und verwachsenblättrig. Die Hohe Schlüsselblume besitzt ein kräftiges Rhizom, welches auf Abbildung 5 gut zu erkennen ist. Ein Rhizom ist ein unterirdisch velaufendes Sprossachsenystem, dass eine Speicherfunktion besitzt. Während der kalten Jahreszeit dient das Rhizom als Überdauerungsorgan. Pflanzenarten, die mit Hilfe eines Rhizoms überwintern, werden als Rhizomgeophyten oder Rhizomkryptophyten bezeichnet, wenn die Überdauerungsknospen unter dem Erdboden liegen. Da sie sich bei Primula elatior jedoch meistens knapp über dem Erdboden befinden, wird siel zu den Hemikryptophyten gezählt (vgl. ELLENBERG 1996, HOFMEISTER 2004).

2.3 Ähnliche Arten

Primula elatior kann vor allem mit der in Kalkgebieten verbreiteten Echten Schlüsselblume Primula veris verwechselt werden. Primula veris besitzt im Gegensatz zu Primula elatior jedoch eine hellgelbe Krone mit fünf roten Schlundflecken. Derartige Schlundflecke treten bei Primula elatior niemals auf (vgl. vor allem Abb. 3). Primula elatior zeigt darüber hinaus einen schlanken, Primula veris einen bauchigen Kelch. Im nichtblühenden Zustand sind beide Arten erheblich schwerer voneinander zu unterscheiden. Bei der Hohe Schlüsselblume ist die Blattspreite relativ allmählich in den Blattstiel verschmälert (teilweise in den Abbildungen 4 und 5 zu erkennen), während sie bei der Echten Schlüsselblume relativ scharf vom meistens geflügelten Blattstiel abgesetzt ist (vgl. JÄGER 2005).

2.4 Vorkommen und Autökologie

Die Hohe Schlüsselblume ist innerhalb der Gattung Primula die in Mitteleuropa am weitesten verbreitete Art. Allgemein nimmt ihre Häufigkeit jedoch von Süden nach Norden hin ab (JÄGER 2005). Die Art gilt als anspruchsvoll, was bedeutet, dass sie einen gewisses Maß an Basen und Nährstoffen schätzt (JÄGER 2005). Primula elatior benötigt weiterhin eine gewisse Bodenfeuchte und besiedelt frische bis feuchte Standorte. HOFMEISTER (2004) teilt die wichtigsten und häufigsten Waldpflanzen Mitteleuropas in ökologische Gruppen ein. Primula elatior zählt hierbei zur Hexenkraut-Gruppe. Die Hexenkraut-Gruppe besiedelt frische bis feuchte, nährstoffreiche, mäßig saure bis neutrale Standorte und ist dementsprechend in anspruchsvollen Rotbuchenwäldern, Eichen-Hainbuchenwäldern und Schluchtwäldern zu finden. Die Hohe Schlüsselblume ist jedoch an die genannten Standortbedingungen, aber nicht an Wälder gebunden. Daher kommt sie auch in entsprechenden Waldersatzgesellschaften sowie an Wegrändern und auf Böschungen vor. JÄGER (l.c.) unsere Art beispielsweise für nährstoffreiche Feuchtwiesen (Calthion) und Goldhaferwiesen (Trisetum). Im Folgenden findet sich eine Übersicht mit Gesellschaften, in den Primula elatior nach Beobachtungen des Autors und Literaturangaben zu finden ist:

  • Anspruchsvolle Rotbuchenwaldgesellschaften: JÄGER (l.c.), HOFMEISTER (2004), ELLENBERG (1996), MIEDERS (2006).
  • Eichen-Hainbuchenwälder: JÄGER (l.c.), HOFMEISTER (2004), MIEDERS (2006), eigene Beobachtungen.
  • Nährstoffreiche Feuchtwiesen (Verband Calthion): JÄGER (l.c.)
  • Frische Wiesen: MIEDERS (2006), eigene Beobachtungen.
  • Hochstaudenfluren: MIEDERS (2006).
  • Bach-Erlen-Eschenwälder: MIEDERS (2006), eigene Beobachtungen.
  • Frische Forstwegränder: eigene Beobachtungen.
  • Sickerfeuchte Böschungen in den Nördlichen Kalkalpen: eigene Beobachtungen.

Die Auflistung der Standorte zeigt, dass die Hohe Schlüsselblume nicht auf bestimmte Pflanzengesellschaften beschränkt ist. Sie bestätigt aber die bereits erwähnte Vorliebe der Art für basen- und nährstoffreiche, frische bis feuchte Standorte. Die Abbildungen 6 und 7 zeigen exemplarisch zwei verschiedene Standorte unserer Art.

Abb. 6: Hohe Schlüsselblumen auf einer sickerfeuchten Wegböschung im Tannheimer Tal bei Schattwald. Foto: Chr. Schwerdt.

Abb. 7: Standort der Hohen Schlüsselblume auf einer aufgegeben Wiese in einem Siepen bei Altena (Westf). Derartige, unrentabel gewordene Grünlandstandorte unserer Art sind durch Aufforstung potenziell bedroht. Foto: Chr. Schwerdt.

Beobachtungen des Verfassers im Altenaer Raum zeigten, dass Primula elatior die Nähe menschlicher Siedlungen nicht meidet und sich zum Beispiel in wenig gepflegten oder aufgegeben Gärten ausbreitet. Derartige Vorkommen sind allerdings schwer zu beurteilen, da selten geklärt werden kann, ob sich die Art von benachbarten Vorkommen aus in den Siedlungsrandbereich ausgebreitet hat oder von Grundstückseigentümern angepflanzt wurde.

2.5 Die Hohe Schlüsselblume als Zeigerpflanze

Zeigerpflanzen sind Pflanzenarten, die eine geringe ökologische Potenz in Bezug auf einen bestimmten abiotischen Faktor aufweisen. Die Heidelbeere (Vaccinium myrtillus) ist beispielsweise ein Säurezeiger, da sie ausschließlich Standorte mit einer stark sauren Bodenreaktion besiedelt und an Standorten mit einer neutralen oder basischen Bodenraktion nicht vorkommt. Im Gegenzug kann daher aus dem Vorkommen der Heidelbeere auf einen stark sauer reagierenden Boden geschlossen worden. Die Heidelbeere gilt dementsprechend als Säurezeiger, da sie eine stark saure Bodenreaktion anzeigt. Zeigerpflanzen werden zu den Bioindikatoren gerechnet. Bioindikatoren oder Indikatorarten sind Pflanzen-, Tier- oder Pilzarten, die den Grad menschlicher Einflüsse auf Lebensgemeinschaften anzeigen. Beispiele für Einflüsse des Menschen auf den Lebensraum Wald sind forstwirtschaftliche Maßnahmen, Waldweide und Eutrophierung durch den Eintrag von Luftstickstoff.

Die Ellenbergschen Zeigerwerte geben Auskunft über den Wert mitteleuropäischer Pflanzenarten als Zeigerpflanze. Für jede Art werden dabei eine Feuchtezahl, Reaktionszahl, Stickstoffzahl,  Lichtzahl, Kontinentalitätszahl, Temperaturzahl und Salzzahl bestimmt. Für die Hohe Schlüsselblume sind aufgrund ihrer Standorte vor allem Feuchtezahl, Reaktionszahl, Stickstoffzahl und Lichtzahl relevant. Die Werte reichen in der Regel von 1-9, bei der Feuchtezahl reichen sie von 1-12. Bei der Lichtzahl steht ein hoher Wert von 9 für eine lichtliebende Vollichtpflanze, ein niedriger Wert von 1 für eine Tiefschattenpflanze. Bei der Feuchtezahl steht ein Wert von 1 für einen Starktrockniszeiger, ein Wert von 12 für eine Unterwasserpflanze, die ständig oder fast ständig untergetaucht lebt. Im Zusammenhang mit der Reaktionszahl ist zu beachten, dass eine niedriger Reaktionszahl für einen Säurezeiger, eine hohe für einen Basen- und Kalkzeiger steht. Verhält sich eine Art indifferent in Bezug auf einen abiotischen Faktor, so wird dies mit x angegeben. Bei der Rotbuche findet sich zum Beispiel ein x bei der Reaktionszahl, da sie sowohl bei stark sauren, als auch bei neutralen bis basischen Standorten vorkommt. Tabelle 1 zeigt die für Waldpflanzen relevanten Zeigerwerte der Hohe Schlüsselblume. Die Werte wurden aus einer Übersicht bei HOFMEISTER (2004) entnommen. Zur besseren Verständlichkeit wurde die Tabelle mit einer entsprechenden Erläuterung ausgestattet.

Tab. 1: Ellenbergsche Zeigerwerte von Primula elatior zusammengestellt aus einer Übersicht bei HOFMEISTER (2004).

Die Werte in der Tabelle zeigen, dass Primula elatior als Zeigerpflanze verwendet werden kann, ihr Wert als Indikator jedoch begrenzt ist. Lediglich in Bezug auf das Vorhandensein von Stickstoff besitzt die Art eine geringe ökologische Potenz und ist ein zuverlässiger Stickstoffreichtumzeiger. In Bezug auf Feuchte, Bodenreaktion und Lichtgenuß ihrer ihre ökologische Potenz größer, da sie frische bis feuchte und halbschattige bis einigermaßen sonnige Standorte besiedelt. Ihre Reaktionszahl zeigt, dass sie einen gewissen Basengehalt benötigt, saure Standorte jedoch akzeptiert werden, solange ein gewisser Gehalt an Ionen im Boden vorliegt. Zusammenfassend läßt sich an dieser Stelle festhalten, dass Primula elatior Stickstoffreichtum, Basenreichtum und mindestens bodenfrische Standorte anzeigt.

2.6 Hohe Schlüsselblume und Mensch

2.6.1 Bedeutung als Gartenpflanze

Nach Beobachtungen des Autors ist die Art in zahlreichen Gärten des Altenaer Raums anzutreffen. Nach Angabe der Gartenbesitzer gehen die Gartenpflanzen meist entweder auf Geschenke anderer Gartenfreunde zurück oder wurden, z.T. bereits vor Jahrzehnten, an Wildstandorten der Art ausgegraben. Ein solches Ausgraben von Exemplaren ist aufgrund ihrer Gefährdung (vgl. 3.3) heute nichtmehr sinnvoll und darüber hinaus auch verboten. Sind die Standortbedingungen im Garten für Primula elatior günstig, kann sie sich versähen und ausbreiten, sofern man das Aufkommen der Jungpflanzen nicht durch übereifriges Gärtnern verhindert. Abb. 4 zeigt ein großes Exemplarder Hohen Schlüsselblume im Garten des Verfassers auf dem Nettenscheid bei Altena. Jungpflanzen sind vorne rechts und im Hintergrund zu erkennen. Die Vorfahren dieser Pflanzen stammen aus einem Garten im Rahmedetal bei Altena, in dem sich Primula elatior nach ihrer bereits vor Jahrzehnten erfolgten Einbringung ausserordentlich stark ausbreitete. Am 06.04.2010 wurden an dieser Stelle durch den Autor 60 junge und ältere Exemplare unserer Art gezählt.

2.6.2 Verwendung als Nahrungs- und Heilpflanze

Literaturstellen zur Verwendung von Primeln als Heilpflanzen beziehen sich meistens auf Primula elatior und auf die verwandte, hinsichtlich ihrer Wirkstoffzusammensetzung ähnliche Primula veris (vgl. LICHTENSTEIN et al. 1983). Von beiden Primelarten werden die Blüten (Flos primulae) und seltener die Rhizome verwendet. Wirkstoffe der Blütendroge sind Flavonoide und Saponine. Die Wurzeldroge enthält unter anderem Primulasaponin und Glukoronsäure (vgl. LICHTENSTEIN et al. l. c.). Beide Drogen werden nach diesen Autoren als Aufguß zubereitet und gegen Entzündungen der Atemwege eingesetzt. Nach SCHLOSSER et al. (1991) enthalten die Wurzeln von Primula elatior als Wirkstoffe Saponine sowie die Glycoside Primverin und Primulaverin. Diese Angaben über die Wirkstoffzusammensetzung decken sich teilweise mit jenen bei LICHTENSTEIN et al. l. c. für Primula elatior und Primula veris (vgl. oben). SCHLOSSER et al. erwähnen die Nutzung unserer Art als Heilpflanze seit dem Mittelalter.

Nach MABEY (1978) wuren Blüten von Primula veris früher in der Küche verwendet und dienten als Geschmacksbeigabe zu Landwein und Blütenessig. Darüber hinaus waren sie Bestandteil von Fischgerichten. Da es sich nicht ausschließen lässt, dass aufgrund der Ähnlichkeit und nahen Verwandtschaft auch Blüten von Primula elatior Verwendung fanden, soll auch diese Literaturangabe an dieser Stelle zitiert werden.

3. Die Hohe Schlüsselblume im Südwestfälischen Bergland

3.1 Literaturstellen

Wesentliche Quellen für die Verbreitung der Hohen Schlüsselblume im Südwestfälischen Bergland sind die Floren von RUNGE (1990) und MIEDERS (2006). Die Flora von RUNGE (1990) ist als Standardwerk zu bezeichnen. Sie enthält Informationen zur Bestandsituation und Bestandsveränderungen aller seit 1824 in Westfalen gefundenen Gefäßpflanzenarten. Nach RUNGE (l.c.) ist Primula elatior in Westfalen zerstreut bis häufig und insbesondere in Kalk- und Lehmgebieten zum Teil massenhaft anzutreffen. Im Südwestfälischen Bergland ist sie dagegen relativ selten. Insbesondere im Siegerland existieren nach RUNGE (l.c.) nur wenige Fundpunkte.

MIEDERS (l.c.) bezieht sich mit seiner Flora auf das Gebiet des nördlichen Sauerlandes. Sein Untersuchungsgebiet umfasst große Teile des nördlichen und mittleren Märkischen Kreises sowie angrenzende Gebiete. Für diesen Bereich gilt die Flora von MIEDERS als Standardwerk, welches bei Untersuchungen mit lokalem Bezug häufig zitiert wird. Nach MIEDERS (l.c.) ist Primula elatior im nördlichen Sauerland "stellenweise ziemlich verbreitet", jedoch an zahlreichen Stellen durch Standortveränderungen "zurückgehend bzw. bereits vernichtet". Der Autor nennt in diesem Zusammenhang Entwässerung, Düngung der Wiesen und Bebauung. Bei MIEDERS (l.c.) zitierte Literaturstellen lassen darauf schließen, dass unsere Art bereits seit 1872 aus dem nördlichen Teil des Sauerlandes bekannt ist.

3.2 Eigene Daten

Von 2010 bis 2011 wurde ein Gebiet des nordwestlichen Sauerland durch den Autor nach Vorkommen der Hohen Schlüsselblume durchsucht. Dieses Untersuchungsgebiet entspricht dem Stadtgebiet Altenas (Westf.) und der Gemeinde Nachrodt-Wiblingwerde. Es umfasst große Teile des MTB 4611, die Quadranten 1 und 3 des MTB 4712 sowie 3 und 4 von MTB 4711 und schließlich einen kleinen Teil von MTB 4612. Abbildung 8 zeigt das Untersuchungsgebiet mit wichtigen Wasserläufen und Hochflächen.

Abbildung 8: Die Stadtgebiete von Altena und Nachrodt-Wiblingwerde mit wichtigen Wasserläufen und Hochflächen. Zeichnung: Chr. Schwerdt.

Naturräumlich zählt das Gebiet vollständig zum Märkischen Oberland (ROSENBOHM 1995). Sein Relief ist dementsprechend ein für das Sauerland typisches Rumpfflächengebiet dar, in dem Reste von Hochplateaus und unterschiedlich tief eingeschnittene Täler miteinander abwechseln. Die Gesteine sind, von einzelnen Kalklinsen abgesehen, silikatisch und verwittern zu sauer reagierenden Böden. Hauptbestandteil der potenziell natürlichen Vegetation sind Rotbuchenwaldgesellschaften bodensaurer Standorte wie der artenarme Hainsimsen-Rotbuchenwald (Luzulo-Fagetum). Nach einer Phase der Übernutzung und Degradierung von Waldstandorten in der frühen Neuzeit wurde zu Beginn des 19ten Jahrhunderts die nicht bodenständige Fichte ins Sauerland eingebracht. Ihre dunklen und artenarmen Forsten bedecken auch heute noch große Flächen des Untersuchungsgebietes. Insgesamt sind Altena und Nachrodt-Wiblingwerde auch heute noch äusserst waldreich. Im gesamten Märkischen Oberland betrug der Waldanteil 1992 54% (ROSENBOHM 1995). Die Landwirtschaft konzentriert sich im Untersuchungsgebiet auf den Höhen und ist im Untersuchungsraum insgesamt im Rückzug begriffen. Nach einem tiefgreifenden Strukturwandel in den 1960er und 1970er Jahren dominiert heute die Grünlandwirtschaft mit Rinderhaltung und intensiv bewirtschafteten Fettwiesen. Grünlandstandorte an Hängen in den tief eingeschnittenen Siepentälchen waren früher bedeutend, sind aber heute nicht mehr rentabe (vgl. auch Abb. 7)l. Sie werden meistenteils aufgeforstet. Der Siedlungs- und Industrieschwerpunkt liegt in den Tälern. Seit den 1980er und 1990er Jahren werden Neubaugebiete und neue Gewerbegebiete zunhemend auf den Hochflächen ausgewiesen, wodurch der Anteil der landwirtschaftlich genutzter Flächen mehr und mehr abnimmt.

Um Vorkommen von Primula elatior aufzufinden, wurden Stellen, die den in Literatur genannten Standortvorlieben der Art entsprechen, gezielt aufgesucht (vgl. hierzu Abschnitt 2.4). Weitere Populationen wurden durch Zufall entdeckt. Einige Fundorte, die dem Autor bereits vor Untersuchungsbeginn bekannt waren, wurden ebenfalls aufgesucht, um den Status des Vorkommens abzuklären. Insgesamt wurden bei den Begehungen 258 Exemplare der Hohen Schlüsselblume an insgesamt 7 verschiedenen Fundorten festgestellt. Diese Fundorte sollen mithilfe der folgenden Auflistung genauer vorgestellt werden:

  • Fundpunkt 1: 03.04.2010: Altena-Mühlenrahmede, Mühlenbach, Ruderalfläche, 6 Exemplare. Weitere Arten an diesem Fundort: Aarum maculatum, Urtica dioica, Geranium robertianum, Glechoma hederacea, Ficaria verna, Stachis sylvatica (juv.).
  • Fundpunkt 2: 12.04.2010: Nachrodt-Einsal, Rohland, nährstoffreiche Böschung oberhalb einer Fettwiese, 3 Exemplare.
  • Fundpunkt 3: 13.04.2010: Altena, Nettenscheid, Rand einer Fettwiese, 21 Exemplare.
  • Fundpunkt 4: 16.04.2010: Altena, Heimecke, aufgegebene Wiese (vgl. Abb. 7), 41 Exemplare. Weitere Arten an diesem Fundort: Urtica dioica, Ficaria verna, Glechoma hederacea, Fragaria vesca, Stellaria nemorum, Oxalis acetosella, Galium aparine.
  • Fundpunkt 5: 16.04.2010: Altena, Heimecke, überwachsener und selten genutzter Forstweg in ca. 150 m Entfernung zu FP 4, 2 Exemplare.
  • Fundpunkt 6: 17.04.2010, Altena, Brachtenbecke, Bachaue, 163 Exemplare (jeweils 61 und 102 Exemplare in zwei Bach-Erlen-Eschenwaldparzellen, welche zum Zeitpunkt der Begehung durch eine ca.100 m breite Fichtenmonokultur voneinander getrennt waren). Weitere Arten an diesem Fundort: Fraxinus exelsior, Sambucus nigra (juv.), Anémone nemorosa, Drypoteris filix mas agg., Rubus idaeus, Filipendula ulmaria, Chrysosplenium alternifolium, Ficaria verna, Geum urbanum.
  • Fundpunkt 7: 23.03.2011, Altena, Steinwinkel, aufgegebene und vom Naturschutz gepflegte Wiese, 21 Exemplare.

Die Liste der Vorkommen ist sicherlich unvollständig, da nicht der gesamte Untersuchungsraum sondern vorwiegend dem Autor bekannte und zugängliche Bereiche abgesucht wurden. Weitere Vorkommen der Hohen Schlüsselblume in Altena und Nachrodt-Wiblingwerde sind daher durchaus noch zu erwarten.

3.3 Diskussion

Die bei den Begehungen festgestellten Vorkommen der Hohen Schlüsselblume lassen sich hinsichtlich ihrer Standorte grob in drei Kategorien einteilen:

  1. Grünlandstandorte (Fundpunkte 3, 4 & 7)
  2. Standorte in Wäldern (Bei dieser Untersuchung ausschließlich Auwälder, Fundpunkt 6)
  3. Standorte an Ruderalflächen, Säumen, Böschungen und auf überwachsenen Wegen (Fundpunkte 2 und 5)

Diese Standortverteilung ist mit Hilfe der vorhandenen Literatur relativ leicht zu deuten. Zwei Vorkommen im Grünland liegen in aufgegebenen Flächen. Das andere Vorkommen (FP 3) liegt am Rand einer Fettwiese, welche bis 2011 allerdings eher unregelmäßig gedüngt wurde. Primula elatior meidet die intensiv bewirtschafteten und stark gedüngten Fettwiesen auf den Hochflächen des Untersuchungsraumes. Hier konnten keine Vorkommen festgestellt werden. Dieses Phänomen ist wahrscheinlich damit zu erklären, dass unsere Art zwar als Stickstoffzeiger gilt, bei extremen Stickstoffreichtum jedoch durch Arten verdrängt wird, welche die anfallenden Nitratmengen effektiver in Biomasse umsetzen können, die Hohe Schlüsselblume überwuchern und schließlich verdrängen. Bei diesen Arten handelt es sich im Intensivgrünland vornehmlich um konkurrenzstarke Wiesengräser, welche Stickstoff und Phosphor nach erfolgter Düngung besonders effektiv umsetzen können. Die Beobachtung, dass Primula elatior bei intensiver Bewirtschaftung aus dem Grünland verschwindet, wird durch Ausführungen bei MIEDERS (l.c.) bestätigt. Im Falle von Fundpunkt 3 konnten sich einige Exemplare am weniger stark gedüngten Rand der Wiese behaupten.

Die Fundpunkte 4 & 7 liegen in aufgegebenen bzw. heute nicht mehr genutzten Grünlandparzellen in Hanglage. Solche z. T. extensiv genutzten Grünlandstandorte waren früher im Untersuchungsgebiet erheblich häufiger, da die zahl der landwirtschaftlichen Betriebe größer war und Nebenerwerbslandwirtschaft an den Hängen und in den Tälern verbreitet war. Da die Nutzung an beiden Fundpunkten eingestellt wurde, sind die Schlüsselblumen an diesen Stellen nicht mehr durch direkte Düngung gefährt. Noch im Boden vorhandene Düngestoffe sowie der gegenwärtig allgemein zu beobachtende menschlich verursachte Eintrag von Nitrat durch die Luft tragen jedoch dazu bei, dass die Große Brennessel Urtica dioica in diese Standorte eindringt und mit der Hohen Schlüsselblume in Konkurrenz tritt (vgl. Abb. 9).

Abb. 9: Primula elatior kommt an vielen Fundorten gemeinsam mit der Großen Brennessel Urtica dioica vor. Der obere Teil der Abbildung ist an Fundpunkt 4, der untere an Fundpunkt 7 entstanden. Auf beiden Aufnahmen sind aufkommende junge Brennesseln zu erkennen. Brennesseln und Hohe Schlüsselblumen sind beide Stickstoffzeiger, von der in den letzten Jahrzehnten erfolgten Überdüngung der Landschaft hat von beiden Arten Urtica dioica allerdings mehr profitiert. Fotos: Chr. Schwerdt.

Urtica dioica verträgt Mahd und Beweidung nur schlecht und besiedelt Grünland vorwiegend randlich oder nach Nutzungsaufgabe. Die Art zeigt sehr große Mengen von Stickstoff im Boden an und bildet bei optimaler Ausprägung sehr dichte Bestände, die im Frühjahr schnell in die Höhe wachsen. Beobachtungen des Autors an den Fundpunkten 1 und 4 zeigten, dass die aufkommenden Brennesseln die Hohen Schlüsselblumen im Frühjahr relativ rasch überwuchern. Breitet sich ein Brennesselbestand um Exemplare von Primula elatior herum aus, so überdauern diese zumeist, verschwinden jedoch in manchen Fällen über kurz oder lang. Jungpflanzen von Primula elatior sind in dichten Brennesselbeständen nur selten zu finden. Die Beobachtungen lassen darauf schließen, dass Urtica dioica bei dem derzeit allgemein vorhandenen, überreichlichen Stickstoffangebot sehr konkurrenzstark ist. Die Große Brennessel ist  bei überreichlichem Stickstoffangebot möglicherweise dazu in der Lage, Schlüsselblumen von ihren Standorten zu verdrängen. Allerdings ist dieser Vermutung entgegenzuhalten, dass Primula elatior und Urtica dioica an stickstoffreichen Standorten schon immer gemeinsam vorkamen. Durch den erheblich früheren Blütezeitpunkt der Hohen Schlüsselblume sind beide Arten zudem phänologisch voneinander isoliert. P. elatior hat ihre Blüte in der Regel beendet, wenn sie von den Brennesseln überwuchert wird. Auf diese Weise ist zwischen beiden Arten zumindest eine teilweise Konkurrenzvermeidung gegeben.

Die Beobachtungen an den Grünland und Ruderalstandorten (insb. Standort 1, vgl. Abb. 9) zeigen, dass aus der heute zu beobachten Eutrophierung der Landschaft eine Gefahr für die Hohe Schlüsselblume ausgeht. Auch das kleine Vorkommen an Fundpunkt 2 ist potenziell durch Eutrophierung gefährdet. Das Vorkommen liegt auf einer Böschung oberhalb einer stark gedüngten Wiese. Möglicherweise ist es als Reliktvorkommen zu deuten und die Hohe Schlüsselblume war in den umgebenden Grünlandflächen einstmals weiter verbreitet. Wahrscheinlich hat sich die Überdüngung der Landschaft in den vergangenen Jahrzehnten insgesamt negativ auf den Bestand unserer Art im Untersuchungsraum ausgewirkt (vgl. hierzu auch MIEDERS l.c.).

Betrachtet man die Zusammensetzung der Fundorte, so fällt weiterhin auf, dass mit FP 6 nur ein einziger Fundpunkt im Wald liegt. Es handelt sich dabei allerdings mit 163 Exemplaren um das individuenreichste unter den nachgewiesenen Vorkommen. Vorkommen in anspruchsvollen Rotbuchenwäldern, wie sie von verschiedenen Autoren für unsere Art beschrieben werden (vgl. Abschnitt 2.4) wurden bei den Begehungen im Untersuchungsraum nicht festgestellt, was wahrscheinlich damit zusammenhängt, dass entsprechende Gesellschaften im Altenaer Raum selten sind und nur äusserst kleinflächig auftreten. Die verbreiteten Hainsimsen- und Heidelbeer-Rotbuchenwälder sind Primula elatior sehr wahrscheinlich zu sauer, weshalb man sie in ihnen vergeblich sucht (vgl. hierzu auch Abschnitt 2.5). Fundpunkt 6 sagt unserer Art wahrscheinlich deshalb zu, weil er in einer Zufuhrlage am Grund eines Siepentals liegt und das Basen- und Nährstoffangebot relativ günstig ist. Andere, prinzipiell vergleichbar günstige Standorte sind im Untersuchungsraum leider viel zu oft mit Fichten aufgeforstet worden und somit für die Schlüsselblume und viele andere Kräuter zu dunkel.

Insgesamt lässt sich zusammenfassend festhalten, dass die Hohe Schlüsselblume in Altena und Nachrodt-Wiblingwerde zerstreut vorkommt. Die Beobachtungen zeigen jedoch, dass unsere Art im Untersuchungsraum gefährdet und möglicherweise im Rückgang begriffen ist. Hauptursachen der Gefährdung sind Überdüngung und die Aufforstung von bachbegleitenden Waldstandorten.

4. Literatur

JÄGER, Eckehart (2005): Rothmaler. Exkursionsflora von Deutschland Band 2. Gefäßpflanzen: Grundband. - München: Elsevier.

HOFMEISTER, Heinrich (2004): Lebensraum Wald. - Remagen: Kessel.

LICHTENSTEIN, Hermann, VOLAK, Jan & STODOLA, Jiri (Hrsg., 1983): Schwester Bernadines große Kräuterapotheke. - Prag: Artia.

MABEY, Richard (1978): Eßbare Wildpflanzen. Bei der Natur zu Gast. - Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Mieders, Georg (2006): Flora des nördlichen Sauerlandes. -  Der Sauerländische Naturbeobachter (Lüdenscheid) 30: 1-608.

ROSENBOHM, Günther (1995): Oberes Märkisches Sauerland. Landschaftsführer des Westfälischen Heimatbundes. - Münster: Aschendorff.

SCHLOSSER, Siegfried, REICHOFF, Lutz & Hanelt, Peter (1991): Wildpflanzen Mitteleuropas. Nutzung und Schutz.

STÜTZEL, Thomas (2002): Botanische Bestimmungsübungen. Praktische Einführung in die Pflanzenbestimmung. - Stuttgart: Ulmer.

STRASBURGER (1900): Lehrbuch der Botanik für Hochschulen. - Jena: Gustav Fischer.

5. Weiterführende Links

6. Kontakt

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Zuletzt aktualisiert am Montag, den 01. April 2013 um 18:05 Uhr