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Natur- und Kulturgeschichte sauerländischer Waldökosysteme (Fortsetzung)

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5. Silikatbuchenwälder im Oberen Märkischen und Hochsauerland

Große Teile des südwestfälischen Berglandes werden durch silikatische Schichten unterschiedlichen Alters gebildet. Im Märkischen Sauerland liegen die ältesten dieser Schichten im Herscheider Raum. Sie stammen aus dem Silur und bilden gleichzeitig den ältesten Untergrund Westfalens (ROSENBOHM 1995). Weiter nördlich dominieren Gesteine devonischen und karbonischen Ursprungs. Es handelt sich, wenn man von den im vorherigen Kapitel besprochenen Kalkgebieten absieht, um Grauwackenschiefer, Tonschiefer und Sandsteine. Diese verwittern in der Regel zu steinigen und flachgründigen Böden, meist Braunrerden oder Parabraunerden. Mittelgründige Böden findet man hier und da an wenig geneigten Hangpartien und auf Hochflächen sowie generell meist über Tonschiefern. Nur in Hangfußbereichen können die Böden tiefgründig sein. Staunasse und Wechselfeuchte Böden (Pseudogley bzw Gley) treten in Siepen und Flußtälern auf, spielen aber an dieser Stelle noch keine Rolle, da auf ihnen keine Rotbuchenwälder gedeihen. Wie schon in Abschnitt 4. erwähnt wurde, verwittern die Silikatschichten recht sauer. Diese Bedingungen erlauben keine rasche Zersetzung der Laubstreu, sodass sich nach und nach Huminsäuren im Boden anreichern.  Ferner wird in den meisten Fällen eine dicke Moderschicht wenig zersetzen Laubes angehäuft. Die meisten Silikatbuchenwälder in den höheren Lagen des Sauerlandes zählen daher wie die Stechpalmen-Rotbuchenwälder zu den Moderbuchenwäldern. Die wenigen bei Verwitterung und Zersetzung freigesetzten Basen werden zudem durch das Regenwasser leicht ausgewaschen. Gerade die Rotbuchenwälder in Kammlagen sowie in den oberen Bereichen der Hänge stocken daher auf äusserst armen und sauren Böden.

Die Stechpalme fällt im Oberen Märkischen- und im Hochsauerland klimatisch bedingt als Charakterart aus (vgl. oben). Jedoch treten in der Krautschicht der ärmsten Rotbuchenwälder dafür einige wenige andere Pflanzenarten in den Vordergrund, welche mit dem geringen pH-Wert im Boden zurechtkommen. Es sind dies vor allem die Heidelbeere (Vaccinium mytillus), die Drahtschmiele (Deschampsia flexuosa) und die Weiße Hainsimse (Luzula luzuloides). Die Heidelbeere tritt vor allem an Südhängen und ganz besonders überall dort flächendeckend in Erscheinung, wo durch sog. Plenterbetrieb einzelne Stämme herausgeschlagen wurden (vgl. Abb.10). Diese auch als Einzelstammwirtschaft bezeichnete Waldwirtschaftsform verbessert die Lichtausbeute am Waldboden, was der Vitaltität der Heidelbeere zu Gute kommt, obwohl sie schattenertragend ist. MIEDERS (1987) bezeichnet diese Plenterbestände mit Vaccinium mytillus als Heidelbeer-Rotbuchenwälder. Ein typischer Standort dieser "Subassoziation" existiert beispielsweise am Nettenscheid östlich Altena (Abb.10).

Abb. 10: Heidelbeer-Rotbuchenwaldparzelle auf dem Nettenscheid bei Altena (ca. 400m NN). Wie auf dem Bild gut zu erkennen ist, wurden im Laufe der Zeit einige Buchenstämme entfernt, sodass der Lichteinfall verbessert wurde. Dies hat an diesem Standort ein flächendeckendes Auftreten der Heidelbeere gefördert. Foto: Chr. Schwerdt, 18.03.10.

An dieser Stelle darf allerdings nicht ausser Acht gelassen werden, dass die meisten Standorte von beerstrauchreichen Waldgesellschaften im Sauerland gefährdet sind. Die Gründe hiefür liegen zum einen in stickstoffbelasteten Niederschlägen, welche die Vitalität der Vaccinien herabsetzen. Andererseits laufen die entsprechenden Gesellschaften trotz guter Wuchsleistung der Rotbuche häufig Gefahr, kahlgeschlagen und durch artenarme Fichtenforste ersetzt zu werden.

In dicht schließenden Rotbuchen-Hallenwäldern mit ansonsten ähnlich ärmlichen Standortbedingungen wird die Heidelbeere weitgehend durch die Drahtschmiele ersetzt, welche dort zuweilen großflächige Bestände bildet. Diese können flickenartig mit kahlen Stellen durchsetzt sein, an denen einzig die nackte Laubstreu hervorsticht. Bisher scheint es sich in der Pflanzensoziologie nicht durchgesetzt zu haben, solche Rotbuchenwälder mit Deschampsia flexuosa als Charakterart als Drahtschmielen-Rotbuchenwälder zu bezeichnen. Stattdessen werden sie den Artenarmen Hainsimsen-Rotbuchenwäldern (Luzulo-Fageten) zugerechnet. Die Hainsimse tritt im Untersuchungsraum allerdings erst in jenen Moderbuchenwäldern auf, welche nicht auf den ärmsten Standorten fußen, sondern über eine etwas bessere Basenversorgung verfügen. Solche Bedingungen sind tendenziell eher in den unteren Abschnitten der Hänge zu finden. Dort werden durch Regen und Wind immer wieder kleinere,  aus den weiter oben gelegen Aushagerungsbereichen stammende Basenmengen eingetragen. Ist der Baseneintrag an Hangfüßen noch günstiger, stößt man bisweilen auf Artenreiche Hainsimsen-Rotbuchenwälder, in denen die Starksäurezeiger Heidelbeere und Drahtschmiele fehlen. Sie werden durch die Weiße Hainsimse sowie im Übergang zum Waldmeister-Buchenwald durch einige bereits relativ anspruchsvolle Arten abgelöst. Unter diesen findet man beispielsweise Lungenkraut (Pulmonaria officinalis agg.), Scharbockskraut, Aaronstab (Aarum machulatum) sowie verschiedene Farnarten. Artenreiche Hainsimsen-Rotbuchenwälder findet man heute noch kleinflächig an den Längesteilhängen bei Rohland (Nachrodt).  Besonders reichhaltige Buchenwälder findet man kleinflächig auf Silikatstandorten in den unteren Hangbereichen des Rahmedetales (Abb. 11).  Ihre Basenversorgung ist derartig günstig, dass man sie eher für einen Waldmeister-Buchenwald, als für einen Hainsimsen-Rotbuchenwald halten wird. Tatsächlich stehen sie dem Galio-odorati-Fagetum pflanzensoziologisch recht nahe. Dafür spricht das großflächige Auftreten des Bärlauches (Allium ursinum) in ihrer Krautschicht (Vgl. Abb. 11). Allium ursinum zählt nach ELLENBERG (1996) zu den Basophyten und Mullzeigern.

Abb. 11: Artenreicher Silikatbuchenwald bei Altena-Mühlenrahmede. In der Krautschicht großflächig Bärlauch (Allium ursinum). Dieser Bestand zeigt bereits ein relativ günstiges Bodenleben mit Mullbildung und ähnelt somit eher einem Waldmeister-Buchenwald als den artenärmeren Hainsimen-Rotbuchenwäldern. Foto: Chr. Schwerdt, 04.05.08.

Schattige Nordhänge mit besonders stabilem Wasserhaushalt sind im Sauerland Standort des Farn-Rotbuchenwaldes. Charakterart ist nach MIEDERS (1987) der Eichenfarn (Gymnocarpium dryopteris). Darüber hinaus kann man Gewöhnlichen Wurmfarn (Dryopteris filix-mas agg.), Breitblättrigen Dornfarn (Dryopteris carthusiana) und Frauenfarn (Athyrium filix-femina) antreffen. Farne sind auch charakteristische Bestandteile im Arteninventar der montanen Rotbuchenwaldgesellschaften in Ebbegebirge und Hochsauerland über etwa 550 m NN. In diesen Gesellschaften tritt jedoch ein interessantes Phänomen auf: Obwohl ihre Böden denen der Artenarmen Hainsimsen-Rotbuchenwälder ähneln, wird ihr Arteninventar deutlich reicher. Gleichzeitig sinkt die Vitalität der Rotbuche mit steigender Meereshöhe. Die Anzeichen dieser reduzierten Vitalität ähneln jenen, welche wir schon im Orchideenbuchenwald beobachten konnten. Ab etwa 600m NN wächst die Rotbuche zunehmend krummer und erreicht geringere Stammumfänge. Zudem ist ihr Kronenschluß weniger dicht und ihre Lebenserwartung deutlich niedriger als im collinen und submontanen Bereich. Betrachten wir stellvertretend für die Montanen Rotbuchenwälder einen Bärlapp-Rotbuchenwald bei Schmallenberg (Hochsauerlandkreis) auf ca. 720m NN (Vgl. Abb. 12 & 13). Die auf Abbildung 12 zu erkennenden Rotbuchen sind etwa 170 Jahre alt (Henning Haeupler, mdl. Mitteilung). Einige zeigen bereits deutliche Alterserscheinungen oder sind abgestorben. Keine erreicht einen Stammumfang wie gleichalte Exemplare niederer Höhenstufen. Der Bestand ist aufgelichtet, sodass eine für Silikatbuchenwälder ausserordentlich reiche Krautschicht ihr Auskommen findet., auf die weiter unten noch genauer eingegangen werden soll. Als  zweite Baumart kann sich auf dieser Meereshöhe die Vogelbeere Sorbus aucuparia gegen die Rotbuche behaupten und dringt bis in die erste Baumschicht vor. Auf der unten stehenden Abb. 12 erkennt man weiterhin einzelne Fichten, welche allerdings gepflanzt wurdenm oder durch die Forstwirtschaft in benachbarte Waldparzellen eingebracht wurden und sich hier und da in unseren Bestand ausgebreitet haben.

Abb. 12: Bärlapp-Rotbuchenwald bei Schmallenberg. Beachte die abgestorbenen Exemplare der Rotbuche im gleichförmig etwa 170 Jahre alten Bestand sowie den dichten grünen Pflanzenteppich am Boden. Dieser beherbergt u.a. zahlreiche Farne und die Charakterart der Gesellschaft, den Sprossenden Bärlapp (Lycopodium annotinum). Foto: Chr. Schwerdt, 20.09.10.

An diesem Standort betragen die Januartemperaturen bereits -2°C, ähnlich wie an der klimatischen Ostgrenze der Rotbuche in Polen. Allerdings unterliegt auch das Hochsauerland einem gewissen, wenngleich gegenüber dem Westsauerland abgeschwächten atlantischen Einfluß. Dies bedeutet, dass die Winter zwar schneereich sind, extreme Fröste aber die Ausnahme bleiben. Reichlicher Schneefall im Winter schützt zudem die immergrüne Charakterart des Bärlappbuchenwaldes, den Sprossenden Bärlapp, vor Frost. Lycopodium annotinum findet am Schmallenberger Standort insgesamt sehr günstige Bedingungen vor und hat sich in den vergangenen Jahren sogar leicht ausbreiten können. Er zählt im Spektrum der Ökologischen Gruppen nach HOFMEISTER (2004) zur Rippenfarn-Gruppe, welche für nährstoffarme, frische bis feuchte Waldgesellschaften der Mittelgebirge typisch ist. Einige der anderen Gruppenmitglieder sind Farne, welchen man am Standort bei Schmallenberg in großer Artenvielfalt und Anzahl begegnet. Neben den Arten des Farn-Buchenwaldes findet man unter anderem Buchenfarn (Phegopteris connectilis) und einen Montanzeiger, den Bergfarn Telypteris limbosperma. Eine weitere charakteristische Art des Bärlapp-Buchenwaldes ist die säureliebende Zweiblättrige Schattenblume Maianthemum bifolium, welche in unserem Bestand ab Ende Mai dermaßen flächig auftritt, dass sie aspektbildend wird (Maianthemun-bifolium-Aspekt). Aspektbildende Arten prägen das Bild eines Ökosystems zu einer bestimmten Jahreszeit. Für einen Waldmeister-Rotbuchenwald wäre im Mai entsprechend das Auftreten eines Waldmeister-Aspektes charakteristisch.

Ausserhalb des Maianthemum-Aspektes präsentiert sich der Waldboden des Bärlapp-Buchenwaldes von einem wenig aufgelockerten Teppich des Sprossenden Bärlappes dicht bedeckt, wie auf den Abbildungen 12 und 13 recht gut zu erkennen ist. Die stellenweise Beschattung durch Farne und der ohnehin lockere Kronenschluß der Baumschicht mindern die Vitalität von Lycopodium annotinum nicht.

Lycopodium annotinum

Abb. 13: Weitgehend geschlossener Teppich des Sprossenden Bärlappes Lycopodium annotinum. Seinen Namen hat dieser Bärlapp von den knapp über dem Boden verlaufenden Sprossen, aus welche in kurzen Abständen Seitensprosse aufsteigen. Diese Seitensprosse stehen dicht an dicht und sind auf der Abbildung gut zu erkennen. Foto: Chr. Schwerdt, 20.09.10.

Der Bärlapp-Buchenwald ist eine charakteristische montane Buchenwaldgesellschaft, stockt aber noch nicht an der klimatischen Höhengrenze der Rotbuche. Diese liegt in Südwestfalen auf dem Kahlen Asten bei 842m NN. Dort finden wir eine andere Waldgesellschaft vor, welche im folgenden Abschnitt näher besprochen werden soll.

Teil 4

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Zuletzt aktualisiert am Montag, den 04. August 2014 um 14:36 Uhr