Christopher Schwerdts Molch- und Salamanderseite!

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Natur und Landschaft in den Nördlichen Kalkalpen (Fortsetzung)

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Naturkundliche Reiseeindrücke aus den Allgäuer Alpen - Teil 2

Wandert man im Hochsommer an Regentagen oder früh morgens über die Almen, so begegnet man regelmäßig einem Tier, welches Einheimischen als Regenmännle gut bekannt ist. Einen Sauerländer wird es indessen irrtieren, da es auf den ersten Blick wie ein graziler Feuersalamander ohne gelbe Flecken aussieht. Doch obwohl er mit dieser Annahme irrt, liegt er nicht weit daneben. Der Alpensalamander (Salamandra atra) ist relativ nah mit dem Feuersalamander verwandt. Er ist jedoch deutlich schlanker als sein gelb-schwarzer Vetter und fällt durch eine einfarbige, stets lackschwarze Färbung auf. Gelegentlich wagt er sich auch tagsüber in voller Sonne an die Oberfläche und überquert dann zuweilen hektisch einen Wanderweg. Doch ist er wie bereits angedeutet wesentlich besser bei feuchter Witterung zu beobachten. Am Abend des 31.07. 2008 konnte ich beispielsweise bei strömendem Regen auf dem Gelände der Landsberger Hütte  nahe der Lachenspitze 11 Exemplare antreffen, welche teilweise regungslos verharrten oder aber umherwanderten. Bei dieser Gelegenheit ist auch das unten stehende Foto entstanden.

Salamandra atra

Dieser Alpensalamander zeigt bei Annäherung seine typische Schreckstellung: Der Körper wird S-Förmig durchgebogen. Fundort: Landsberger Hütte, Juli 2008. Foto: Chr. Schwerdt.

Im subalpinen Bereich herrscht häufig Mangel an geeigneten Laichgewässern, so das das stellenweise sehr häufige Auftreten des Salamanders verwundert. Doch setzt unsere Art im Gegensatz zum Feuersalamander keine kiementragenden Larven, sondern alle 2-3 Jahre 2 bereits vollständig entwickelte Jungtiere ab. Alpensalamander werden deshalb von Herpetologen als vollmolchgebährend bezeichnet. Nur wenige weitere Amphibienarten dringen ähnlich weit in die Kalkalpen hinauf. Hier sind vor allem der Grasfrosch Rana temporaria und der Bergmolch Mesotriton a. alpestris zu nennen.

Der Alpensalamander ist durchaus in der Lage, auch in die Krummholzzone über der subalpinen Fichtenwaldstufe vorzudringen. Das Krummholz ist ein sogenanntes Orobiom. Unter Orobiom versteht man die typische Ersatzgesellschaft einer zonalen Formation (typischen zonalen Vegetation) mit zunehmender Meereshöhe. Zonale Formation in Mitteleuropa ist der Laubmischwald, z.B. Hainsimsen-Rotbuchenwald. Auch der Fichten-Buchenmischwald der subalpinen Stufe wird noch zur zonalen Formation Mitteleuropas gerechnet. Mitteleuropa ist widerum Teil des nemoralen, also gemäßigten Zonobioms.

Die typische Charakterart der Krummholzzone in den nördlichen Kalkalpen ist die Latschenkiefer Pinus mugo. In feuchten bis nassen Furchen und Mulden wird sie überwiegend durch die Grünerle Alnus viridis vertreten. Beide Arten sind äusserst wiederstandfähig gegen Steinschlag und Verschüttung durch Lawinen. Ausserhalb von Verrutschungen des Gesteins kann das Krummholz auch von einigen kleineren und größeren Vertretern der Vogelbeere Sorbus aucuparia durchsetzt sein. Diese wachsen allerdings baumförmig und erreichen mit beachtlicher Vitalität gelegentlich 3-5 m Höhe. Auch im Bereich des  subalpinen Fichtenwaldes kann man auf Krummholz stoßen, und zwar dort, wo das Relief besonders ungünstig ist oder regelmäßig Muren und Lawinen niedergehen.

Andererseits ermöglicht der Schutz, den die Latschenkiefern mit ihrem oft dichten Bestand im Winter gegen die Witterung und das Geröll gewähren, mancher kleinen Fichte, sich weit über die eigentliche Fichtenwaldstufe hinauszuwagen (vgl. REISIGL & KELLER 1989).

Pinus mugo im Kreuzfeuer: Von rechts oben droht  Geröll, von den Seiten Wind und im Verbund mit der Sonne im Winter Frosttrocknis. Diese beeindruckenden Exemplare konnte ich im Juli 08 auf dem Wannenjoch bei Schattwald (ca. 1600m NN) fotografieren. Man beachte den immer noch erkennbaren Steinschlag vom letzten Winter und die obersten Triebe, welche durch Frostrocknis geschädigt wurden. Im Hintergrund subalpiner Fichtenwald im Mosaik mit Almen und Muren (Geröllgängen).

Das typische Krummholz mit Pinus mugo als Charakterart bezeichnen Vegetationskundler Pinetum mugi. In den Allgäuer Alpen stößt man vorwiegend auf die Subassoziation des Wimperalpenrosen-Latschenbuschwald, das Rhododendro hirsuti-Pinetum mugi. Kennart dieser Subassoziation ist die Wimperalpenrose Rhododendron hirsutum. Es handelt sich hierbei um einen Zwergstrauch aus der Familie der Ericaceaen, welcher auch mit unseren Garten-Rhododendren verwandt ist, die ihren Ursprung allerdings in Ostasien haben.

Blühende Wimperalpenrose nahe der Stuibensennalpe Ende Juli 2008. Man beachte die bewimperten Blätter, welche der Art ihren Namen gaben. Foto: Chr. Schwerdt

Manchen Leser mag die starke Präsenz einer Ericaceae auf flachgründigen Böden über Kalkschutt verwundern. Die meisten bekannten mitteleuropäischen Vertreter dieser Familie besiedeln in der Tat stark sauer reagierende Böden, wie z.B. Podsole. Rhododendron hirsutum ist denn auch das einzige großflächig auftretende Heidekrautgewächs in der subalpinen Stufe der nördlichen Kalkalpen. In den silikatischen Zentralalpen und dort, wo sich viel Humus  angesammelt hat, findet man hingegen die vikariierende säureliebende Art Rhododendron ferrugineum. Beide Alpenrosenarten habe jedoch eines gemeinsam: Sie benötigen im Winter einen gewissen Schneeschutz, weshalb man sie nicht auf den steilsten Rücken oder windgefegten Kanten antreffen wird.

Der Wimpernalpenrosen-Latschenbuschwald wechselt nicht selten mit Wimpernalpenrosenheiden ab, auf denen die Latsche fehlt. Diese Flächen haben dann meist eine zu kurze Aperzeit für die Legföhre, oder aber stellen einen Pionierstadium auf dem Weg zum Latschenbuschwald hin dar. Neben der Wimperalpenrose erreichen hier vor allem zwei Seggenarten einen hohen Deckungsgrad, welche weiter oben oder auf beweideten Flächen auch eigene Gesellschaften bilden. Es sind dies die Rost-Segge Carex ferruginea und die Immergrüne Segge Carex sempervirens. Diese Seggen stellen im Gegensatz zu ihren Verwandten im Tiefland ein äusserst hochwertiges Viehfutter dar. Auffällig ist bei ihnen ferner das Phänomen der Verschiedenährigkeit. An einem Blühtrieb findet man oft mehrere weibliche Ähren und eine männliche Ähre an der Spitze. Die Immergrüne Segge bildet ferner dichte Horste. Abgestorbene Blätter zerfasern rund um das lebende Zentrum des Horstes und ermöglichen so im Winter Kälteresistenz durch Abschirmung. Dieses Phänomen ermöglicht Carex sempervirens, auch an Stellen mit einer rel. langen Aperzeit zu überleben.

Die am stärksten an den Lebensraum Hochgebirge angepasste Seggenart ist allerdings die Polstersegge Carex firma. Die Polstersegge ist eine extrem harte Pflanze, welche auf frischen Blockhalden, und im Kalkfels bis weit in die alpine Höhenstufe hinein typische Halbkugelpolster bildet. Da diese auch in der Lage sind, Spalten zu überwachsen und dann unter Umständen eine relativ ebene Fläche vorzutäuschen, sind sie schon manchem Bergwanderer zum Verhängnis geworden. Oftmals werden Teile eines solchen Polsters auch mit Muren in die subalpine oder hochmontane Stufe verfrachtet und stellen dann dort Teil der Blockhaldenvegetation im Pionierstadium dar. Später werden sie dann durch andere Pflanzengesellschaften abgelöst.

Kleiner Bestand der Polstersegge in der Nähe der Schochenspitze. Man erkennt, das das Polster den ganzen Fels überzieht. Auf diese Art können auch tiefe Spalten überwachsen werden, sodass Bergsteiger das Betreten dieser Polster vermeiden sollten.

Wir sind nun, im Lebensraum der Polstersegge, bis in die Gipfelregion zwischen 1800 und über 2000m vorgestoßen und vorerst am Ende unserer Fotoexkursion angelangt. Ich hoffe jedoch, diesen Bericht im Laufe der Zeit und mit weiteren Bildern noch ausbauen zu können. An dieser Stelle ist nun auch noch Gelegenheit, einigen Menschen besonders zu danken. Herrn Wolfgang Maier, Bochum, danke ich für die gelungene Organisation der Alpenexkursion 2008 im Rahmen des G-Blocks "Flora und Vegetation von Mitteleuropa". Meinen Eltern danke ich für die Mithilfe bei der Organisation der Alpenexkursionen 2007, 2009 & 2011 sowie Philipp Michalski und Robert Grams für ihre Mithilfe 2014.

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Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 05. August 2014 um 11:54 Uhr