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Natur und Landschaft in den Nördlichen Kalkalpen

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Naturkundliche Reiseeindrücke aus den Allgäuer Alpen

"Die obere Grenze des Bergwaldes in den Alpen ist wohl eine der eindrucksvollsten Vegetationsgrenzen überhaupt. Herrlicher dunkler Zirbenwald, in schmalen Streifen auf legföhrenbestandenen Rücken emporsteigende, immer kleinerwüchsige wettergezauste Fichtengruppen, mächtige Buchen, die auf kurzer Höhendistanz zu niedrigen breiten Sträuchern werden - tiefer oder höher im Gebirge stoßen sie alle an ihre absoluten Lebensgrenzen."

Herbert REISIGL, tiroler Gebotaniker, 1989 über das Zustandekommen der alpinen Waldgrenze. (In: KELLER, Richard & REISIGL, Herbert: Lebensraum Bergwald, Stuttgart 1989, S. 30.)

Während sich im Hintergrund Legföhrengebüsche zwischen Moränen behaupten, verrät uns diese uralte Fichte auf der Stuibensennalpe über dem Tannheimer-Tal, dass viele Almen potentielles Waldland darstellen. Die Waldgrenze wurde hier durch die Bergbauern künstlich herabgedrückt. Auch in den Alpen sind die Schicksale von Natur und Mensch seit Jahrhunderten untrennbar verbunden. Foto: Chr. Schwerdt

1. Einleitung

Liest man das obige Zitat von Herbert REISIGL und vergleicht es mit dem untenstehenden Bild, so wird es schnell deutlich: Die Alpen bieten dem Naturfreund ein Mosaik verschiedener Landschaftseindrücke und eine Vielfalt an Pflanzengesellschaften, welche für Mitteleuropa außergewöhnlich hoch ist. Rauhes Klima, Schroffes Relief und die Jahrhunderte währende Tätigkeit der Bergbauern haben dazu beigetragen, ein einzigartiges Mosaik aus Bestandteilen von Ur-und Kulturlandschaft zu schaffen und zu erhalten.

Begeben wir uns also nun auf den Spuren der Botaniker REISIGL,  KELLER und ELLENBERG auf eine naturkundliche Wanderung durch die Allgäuer Alpen. Beginnen wollen wir dabei in den Bergwäldern der montanen Stufe, um danach immer weiter in die subalpinen und alpinen Höhenbereiche aufzusteigen. Dabei sollen typische Pflanzen, Pflanzengesellschaften und schließlich auch einige Vertreter der alpischen Tierwelt mithilfe von Bildern verschiedener Alpenexkursionen vorgestellt werden. Zunächst folgen jedoch einige Ausführungen zur Naturgeschichte der Allgäuer Alpen, die den Charakter unseres Exkursionsgebietes verstehen verständlich machen.

2. Einführung in das Exkursionsgebiet

Die Ostalpen lassen sich geologisch grob in drei Abschnitte teilen. Den silikatischen Inneralpen sind im Norden und Süden parallel verlaufende Gebirgszüge vorgelagert, welche sich überwiegend aus mesozoischen, d.h. im Erdmittelalter entstandenen Kalken und Dolomiten zusammensetzen. Die Kalkberge sind von den Silikatformationen bereits sehr gut von weitem durch ihre charakteristische Form zu unterscheiden: Sie wirken im Vergleich mit den sanfteren und rundlicheren Formen der Silikatberge schroff und zerklüftet. Dies hat für Pflanzen die Konsequenz, dass die Waldgrenze im Kalkgebiet häufiger durch das Relief anstelle durch das Klima bedingt wird, als dies im Silikatgebirge der Fall wäre. Andere Auswirkungen der Carbonatgesteine finden auf molekularer Ebene statt.  Bei der Verwitterung von Kalkgestein werden Sulfat und Carbonat ausgewaschen und durch den Regen ins Grundwasser gespült (REISIGL & KELLER 1989). Nur ein aus Tonteilchen bestehender Rückstand fließt in die Bodenbildung mit ein, welche dadurch verlangsamt wird. Tiefgründige Böden sind im Kalkgebirge folglich eher selten. Jedoch sind durch die kontinuierlichen Auswaschungspozesse ständig große Mengen von Carbonationen im Boden anwesend. Bei laufender Transpiration werden diese Ionen daher massenhaft passiv in die Pflanze transportiert. Sie kann die Aufnahme zwar bis zu einem gewissen Grade beeinflussen, aber nicht verhindern (vgl. REISIGL & KELLER 1989).

Auf Carbonatgestein wirkt also durch den Standortfaktor Boden ein hoher Selektionsdruck auf Pflanzen. Basophile, d.h. kalktolerante und kalkliebende Pflanzensippen haben daher mehrere Strategien entwickelt, mit diesem Problem umzugehen. Einige Caryophyllaceaen neutralisieren den Kalk mit Hilfe von Oxalsäure. Ca2+ -Ionen werden als Ca-Oxalat-Kristalle fixiert und im Pflanzengewebe angereichert. Andere Sippen binden die Ionen mit Hilfe von Apfelsäure.

Die Silberdistel (Carlina acaulis) zählt zu den kalkliebenden Pflanzensippen. Dieses beeindruckende Exemplar konnte ich im Juli 2008 oberhalb von Schattwald im Tannheimer Tal fotografieren.

Standorte im Kalkgebirge haben für Pflanzen aber auch noch andere Konsequenzen. Die Parameter verschiedener Klimafaktoren unterscheiden sich hier im Gegensatz zu Standorten der planaren oder collinen Höhenstufen erheblich. Niederschlag und Bewölkung treten häufiger auf, während die mittlere Jahrestemperatur mit zunehmender Meereshöhe absinkt. Im Vergleich mit den südlich anschließenden Silikatzügen sind die nördlichen Kalkalpen weitaus niederschlagsreicher. Dies hängt damit zusammen, dass sich die Nordwestlichen Alpenregionen in einer Luv- Lage befinden, also einen Windstau hervorrufen. Die silikat. Inneralpen liegen hingegen im Lee, d.h. im Wind- und in der Folge auch im Regenschatten (vgl. REISIGL & KELLER 1989, WALTER und BRECKLE 1999). Der hohe Niederschlag fällt im Winter überwiegend als Schnee und bietet emfindlichen Pflanzen Frostschutz. Fehlt dieser Forstschutz, so laufen manche Sippen Gefahr, der Frosttrocknis zu erliegen. Dieses Phänomen tritt auf, wenn aufgrund der Sonneneinstrahlung im Winter Transpiration stattfindet, der Grenzschichtwiderstand durch Wind herabgesetzt wird, aus dem gefrorenen Boden aber kein Wasser nachgeliefert werden kann. Die Pflanze leidet in der Folge unter Wassermangel und kann ernsthafte Schäden erleiden. Manche Pflanzengesellschaften, wie die Almrauschheiden sind auf den Schneeschutz daher geradezu angewiesen.

Frosttrocknis gehört zu jenen Faktoren, welche die subalpine Waldgrenze in den Alpen zustande kommen lassen. Doch im Schutze des Schnees schaffen es kleine, krüppelige Fichten oft noch weiter emporzusteigen. Darüber hinaus setzen schroffes Relieff, heftige Bodenbewegung, Schneelast und Windwurf dem Waldwuchs in der subalpinen Höhenstufe Grenzen. Muren und Lawinenbahnen drücken die Waldgrenze stellenweise noch tiefer herab. Sie spielen aufgrund der Steilheit der Kalkalpen eine größere Rolle als im Silikat.

Der historisch und gegenwärtig vermutlich wichtigste Faktor, welcher die Vegetation der subalpinen Höhenstufe einwirkt, darf jedoch nicht ausser Acht gelassen werden. Es handelt sich um den Menschen und seine Nutztiere.

Die Almwirtschaft ist ist in den Alpen bereits seit der Bronzezeit bekannt (REISIGL & KELLER 1989). Ähnlich wie in den nördlichen Mittelgebirgen fällt die erste große Rodungsphase in das Hochmittelalter. Das relativ günstige Klima der mittelalterlichen Warmzeit ließ die Bevölkerung im Alpenraum und außerhalb ansteigen, sowie bisher unwirtliche Flächen für die Landwirtschaft interessant werden. Mit Axt und Feuer drängte der Mensch die Hänge hinauf und den Wald zurück. Wälder degradierten zu Almwiesen und zu Zwergstrauchheiden, welche sich besonders dort durchsetzen konnten, wo der Boden durch Streugewinnung am stärksten aushagerte.

So entstand das aufgelockerte Landschaftsbild der hochmontanen und subalpinen Höhenstufen der Alpen, wie wir es heute kennen. Offengehalten werden Hänge und Hochtäler zum kleineren Teil durch Mahd, häufiger jedoch durch Beweidung. Vor allem das Rindvieh ist hier nach wie vor in der Landschaftspflege tätig. Bedeutend sind in erster Linie die Braunviehrassen Brown-Swiss und das Original-Braunvieh. Hin und wieder wird in der Almwirtschaft auch auf Schafe und Ziegen zurückgegriffen.

Das Braunvieh ist eine robuste Rinderrasse, welche dennoch eine verhältnissmäßig hohe Milchleistung bietet. Durch ihre Weidetätigkeit im Rahmen der Almwirtschaft verhindern die Tiere eine geschlossene Bewaldung und erhalten so eine kleinstrukturierte Landschaft, welche auf begrenztem Raum vielen verschiedenen Lebensgemeinschaften ein Auskommen ermöglicht. Foto: Chr. Schwerdt

Betrachten wir nun also zuerst die Lebensgemeinschaften in der montanen bis subalpinen Höhenstufe (ab. ca. 900m), also dort, wo sich zumindest grundsätzlich potentielles Waldland befindet. Wir steigen im Verlaufe unserer Exkursion nach und nach immer weiter hinauf.

3. Wald und Waldersatzgesellschaften im montanen und tiefsubalpinen Höhenbereich bis ca. 1400m nn

Wie manchem Leser schon aus dem Einführungskapitel zu dieser Website bekannt sein wird, besitzt die Rotbuche unter den Waldbäumen Mitteleuropas eine herausragende Rolle. Wandert man allerdings in den Allgäuer Alpen, so wird man sie mit etwas Pech erstmal garnicht entdecken. Doch nach einiger Zeit, sei es am Alpennordrand, im Tannheimer Tal oder im Vilstal, stößt man dann doch auf einige oftmals beeindruckende Exemplare. Bis etwa auf etwa 1800m Meereshöhe vermag Fagus sylvatica die nördlichen Randgebiete der Alpen durchaus zu besiedeln. Freilich erreicht sie hier weniger mächtige Stammumfänge als in tieferen, z.B. submontanen Lagen und wächst öfter auch krumm. Dieser Krummwuchs kann zuweilen sehr deutlich ausfallen und wird dann als Säbelwuchs bezeichnet. Säbelwuchs hilft der Rotbuche in Gebirgslagen, sich gegen Geröllwurf und Wind zu behaupten.

Stattliche alte Rotbuche auf freiher Alm am Vilser Kegel (Tirol, Österreich, auf ca. 1200m nn). Man beachte den leicht krummen Wuchs in Richtung der schnee-und geröllabgewandten Seite. Der Baum hat als Weibuche wichtige Bedeutung für das Vieh, dem er Schatten und Futter spendet. Im Hintergrund einzelne Buchen in prächtigem hochmontanem Fichtenwald. Im Gegensatz zum monotonen Fichtenforst sind die Fichten hier natürlicherweise bis unten beastet.

Die relative Seltenheit von Fagus sylvatica in vielen Wäldern der Allgäuer Alpen ist somit nicht natürlich bedingt. Vielmehr wurden die Buchen über Jahrhunderte als wertvolle Bau-und Brennholzlieferanten aus dem Wald herausgeschlagen. Auch die Waldweide reduzierte ihren Bestand, vor allem wenn Schaf-und Ziege an ihr beteiligt waren und ein erneutes Aufkommen von Buchenjungwuchs verhinderten.

Die Rotbuche benötigt gleichmäßig über das Jahr verteilte, relativ hohe Niederschläge und ist frostemfindlicher als ihre Konkurrentinnen Fichte (Picea abies) und Tanne (Abies alba). Dies wirkt sich allerdings in den atlantisch geprägten Randalpen weniger stark aus als in den kontinentalen Inneralpen, wo Fagus tatsächlich hinter Picea und Abies zurücktritt. Es ist daher nicht wirklich verwunderlich, dass die Rotbuche, wo sie geschont wird, hier und dort in den Allgäuer Alpen noch mit ansehnlichen Exemplaren vertreten ist.

Weitgehend beherrscht werden die Bergwälder heute jedoch von der Fichte. Dabei ähneln die natürlich gewachsenen Fichtenwälder  in ihrem Aufbau und Arteninventar keineswegs den trostlosen Holzplantagen, welche noch heute viele Quadratkilometer deutscher Mittelgebirge bedecken. Die Fichten der Alpentäler sind hoch und breitkronig, sowie typischerweise bis zum Boden beastet. Weiter oben findet man zunehmend schlanke Gestalten mit tief gebogenen Ästen. Diese Ökotypen sind meist ebenfalls voll beastet und weniger anfällig für Schneebruch.

Fichtenwaldgesellschaften oberhalb der montanen Höhenstufe mit nur wenigen Buchen sind die Hochstauden-Fichtenwälder und Kalkschutt-Fichtenwälder. Beide Gesellschaften zeichnen sich durch eine artenreiche Krautschicht aus. Säurezeiger fehlen weitestgehend und können höchstens auf einer stellenweise dicken Streuschicht ein Auskommen finden. Stattdessen findet man dem karbonatreichen Untergrund entsprechend zahlreiche Kalkzeiger oder auch bodenvage Arten, welche jedoch ein gewisses Maß an Basen benötigen.

Die ersten Arten dieser Gesellschaften, welche im Frühjahr zu blühen beginnen und mitunter aspektbildend werden, zählen zur Familie der Primelgewächse, den Primulaceaen. Insbesondere Primula elatior und Primula farinosa sind mit oftmals individuenreichen Beständen vertreten. Sie wachsen nicht nur im lichtdurchfluteten Bestand des Waldes, sondern auch an Bachufern und Wegrändern. Darüber hinaus besiedeln sie auch Almwiesen- und Weiden, sind also nicht an den Wald gebunden.

Primula elatior ist in den nördlichen Kalkalpen noch an vielen Stellen zu finden und besiedelt auch die Krautschicht tiefsubalpiner Fichtenwälder. Hier zählt sie zu den ersten Frühblühern. Fundort: Feuchter Wegrand nahe Stuibensennalpe, Mai 2009. Foto: Chr.Schwerdt

Die Mehlprimel ist hinsichtlich ihrer Standortansprüche ähnlich flexibel wie die Hohe Schlüsselblume und im Fichtenwald verbreitet, erreicht nach eigener Beobachtung ihre größten Individuendichten aber auf Almwiesen und hier bevorzugt dort, wo Verbiß und Vertritt des Viehs relativ hoch sind.

Die Mehlprimel (Primula farinosa) besticht kurz nach der Schneeschmelze, dem Ausapern, durch violette Blüten. Fundort: Stuibensennalpe, Mai 2009. Foto: Chr. Schwerdt

Nach den Primeln und anderen Frühblühern erwachen weitere Arten aus dem Winterschlaf, welche für die Krautschicht der Fichtenwälder typisch sind. Hierzu zählen unter anderem Hochstauden wie die weiße Pestwurz, Petasites albus, deren traubige Blütenstände ab Mai vor den Blättern erscheinen. Sie gilt auch im Mittelgebirge als typischer Montanzeiger. Ebenfalls häufig ist der Alpen-Milchlattich Cicerbita alpina. Auch diese beiden Arten bleiben jedoch nicht auf den Wald beschränkt. Auf den Almen findet man sie an bestimmten halbschattigen Mulden wieder, wo auch das Grundwasser meist nah ist. Hier lagert im Sommer auch öfters das Vieh und liefert zusätzlich Stickstoff. Daher werden diese Standorte als Lägerfluren bezeichnet. Auch die Kennart des Hochstauden-Fichtenwaldes, der Graue Alpendost Adenostyles alliariae, ist in diesen Lägerfluren zu finden. Sie bleibt also dem Fichtenwald keineswegs treu, sondern besiedelt auch die Alm bzw. die Lägerflur als Ersatzgesellschaft. Dort wird sie durch den zusätzlichen Stickstoffeintrag eher noch gefördert, als zurückgedrängt.

Wo die Hochstauden durch besonders viel Nitrat im Frühjahr einen Wachsstumsvorsprung erhalten, weil sie die Nährstoffe besser nutzen können, werden die Lägerfluren schon früh recht dicht, so dass für kleinere Pflanzen wie Primeln hier wenig Raum bleibt. Dennoch handelt es sich um artenreiche Gesellschaften, vergleicht man sie z.B. mit vielen Hochstaudenfluren im Tiefland.

Auch wo sich an den Hängen Kalkschutt angehäuft hat, kann man Hochstaudenfluren mit den bereits vorgestellten Arten antreffen. Ist der Druck durch von oben nachkommenden Schutt nicht zu hoch, bildet sich hier der bereits angesprochene Kalkschutt-Fichtenwald, welcher dann häufig mit dem Hochstauden-Fichtenwald verzahnt sein kann. Es lohnt hier ab Ende Mai allerdings nicht nur, auf die Pflanzen zu achten, sondern auch auf den Schutt selbst. Die Tierwelt des Bergwaldes ist inzwischen erwacht und mit etwas Glück kann man ab Mai Waldeidechsen beobachten, welche sich auf Felsbrocken oder auf Totholz sonnen.

Diese Waldeidechse konnte ich im August 2007 auf einer Bank am Fuße des Edelsbergs östlich Nesselwang (Allgäu) fotografieren. Die Tiere sind oftmals wenig scheu und daher auch ohne Fernglas gut zu beobachten. Da sie kein Territorialverhalten zeigen, kann man oftmals auch mehrere Exemplare am selben Sonnenplatz antreffen.

Die Waldeidechse dringt in den Alpen bis weit über die Baumgrenze hinaus auf ca. 3000m Meereshöhe vor. Sie ist durch eine dunkle, viel Licht absorbierende Zeichnung und Ovoviviparie gut an das Gebirgsleben angepasst. Man findet sie daher auch recht häufig in den Mittelgebirgen, beispielsweise im Bayerischen Wald, im Sauerland und im Harz.

Besonders im Bergwald, jedoch auch auf den Almen bis weit in die subalpine Stufe hinein findet man im Schlepptau der Waldeichse fast immer eine weitere, wenngleich heimlichere Reptilienart. Die Bildschleiche Anguis fragilis verbirgt sich tagsüber unter flachen Steinen und Holz, wo sie sich passiv durch das Sonnenlicht wärmen läßt. Die Reduktion ihrer Gliedmaßen ermöglicht ihr, auch kleinste Spaltensysteme auszunutzen. Selbst in Ameisenhaufen kann man sie finden, da sie den Insekten durch ihre starke Panzerung kaum Angriffsfläche bietet.

Gelegentlich wagen sich die sonst unterirdisch lebenden Blindschleichen doch an die Oberfläche und sonnen sich dann nach Eidechsenart. Dieses stattliche Weibchen ist trächtig, was zusätzlichen Wärmebedarf bedeutet. Fundort: Tegelberg, Allgäu, August 2007. Foto: Chr. Schwerdt

Schreitet der Sommer in den Monaten Juni und Juli vorran, kann man in den Hochstaudenfluren auf verschiedene Käfer treffen. Der Große Breitkäfer Abax parallelepipedus (Synonym: Abax ater) hält sich tagsüber unter Steinen verborgen. Auf Wanderwegen kann man bisweilen auf den Großen Schwarzen Moderkurzflügler Ocypus olens stoßen. Besonders achten sollte man jedoch auf die großen Blätter des Huflattichs, welche hier und dort zwischen Pestwurz und Alpendost zu finden sind. Hier kann man im Hochsommer mit etwas Glück den größten mitteleuropäischen Rüsselkäfer beobachten! Der Große Trägrüßler Liparus glabirostris ist fast stets nur auf Huflattich zu finden, seine Larven leben jedoch in den Wurzeln von Apiaceaen (Doldengewächsen).

Der Große Trägrüßler ist sicherlich einer der auffälligsten Käfer im Bergwald. Seinem Nahmen macht er allerdings Ehre: Weder läßt er sich vom Beobachter verunsichern, noch zeigt er sonst viel Temperament. Auch die Paarung, auf dem Foto gut zu erkennen, kann viele Stunden dauern. Fundort: Südhang des Tannheimer Tals nahe Schattwald, Juli 2008. Foto: Chr.Schwerdt.

Die Almen wurden in den Monaten Juni und Juli vom Vieh an vielen Stellen schon stark beweidet. Doch fällt auf, dass selbst an denjenigen Standorten, welche am stärksten befressen wurden, einzelne Pflanzensippen verschont  zu bleiben scheinen. Eine auffällige Art fällt besonders ins Auge: Es ist der Weiße Germer Veratrum album. Von Bergbauern wird dieses stattliche Kraut aus der Familie der Melanthiaceaen auch Nieswurz oder Lauswurz genannt.  Weißer Germer ist für das Vieh stark giftig. Durch den Almbetrieb werden allerdings seine wohlschmeckenden Konkurrenten beseitigt. Daher profitiert Veratrum album durch Beweidung, ohne dem Vieh zu nützen. Es ist also kein Wunder, das die Art oft als Weideunkraut bezeichnet wird. Botaniker bevorzugen allerdings die Begriffe Beweidungszeiger oder Weidebegleiter.

Prächtiges, ca. 50 cm hohes Exemplar des Weißen Germers. Diese hoch giftige Pflanze ist durch ihre wechselständige Beblätterung und die streifenförmige Nervatur vom sonst ähnlichen Gelben Enzian zu unterscheiden. Fundort: Tannheimer Tal bei Schattwald, ca. 1050m nn. Foto. Chr. Schwerdt.

Der Weiße Germer läßt sich im nicht blühenden Zustand mit dem Gelben Enzian verwechseln (vgl. oben). Dies ist insofern verhängnisvoll, als dass der Gelbe Enzian eine nicht unbedeutende Nutzpflanze darstellt: Aus seinem Wurzelstock wird der bekannte Enzianschnaps hergestellt. Auf den Schnapsflaschen wird dann aber meistens der bekanntere Blaue Frühlingsenzian abgebildet.

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Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 05. August 2014 um 11:32 Uhr