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Natur- und Kulturgeschichte sauerländischer Waldökosysteme

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Naturkundlicher Streifzug durch die Waldgesellschaften des Sauerlandes

"Abgesehen von Sonderstandorten, von den höheren Lagen der Alpen und von deren niederschlagsarmen und winterkalten inneren Tälern wäre also die Rotbuche in Mitteleuropa unter natürlichen Verhältnissen beinahe allgegenwärtig"

Heinz ELLENBERG, deutscher Geobotaniker, über die dominante Rolle der Rotbuche in den mitteleuropäischen Waldgesellschaften (ELLENBERG 1996).

Bärlapp-Rotbuchenwald

Abb. 1: Eigentümlich und doch faszinierend ist es, in einem alten Buchenwald zu stehen. Die mächtigen Stämme wirken wie die Säulen einer Kathedrale, das Blätterdach schließt dicht und läßt nur wenig Licht durch. Dies hat einigen Rotbuchenwaldgesellschaften die Bezeichnung "Hallenwälder" eingebracht. Am Waldboden stehen zuweilen die seltsamen Gestalten von Farnen und Bärlappen. Tiere sind nur wenige zu sehen. Und doch vernimmt man dann und wann den Ruf eines Schwarzspechtes oder sieht einen Kleiber emsig auf den Stämmen herumlaufen. Im folgenden Aufsatz wollen wir den Geheimnissen der Rotbuchenwälder, aber auch anderer sauerländischer Waldgesellschaften auf den Grund gehen. Bärlappbuchenwald bei Schmallenberg, Hochsauerlandkreis, September 2010. Foto: Chr. Schwerdt.

1. Einleitung

Heute erscheinen große Teile des Sauerlandes als Waldland. Im Märkischen Kreis und Ennepe-Ruhr-Kreis waren 1992 mehr als die Hälfte der Gesamtfläche bewaldet, im zerklüfteten südlichen Märkischen Kreis sogar 54 Prozent mit Wäldern bedeckt (ROSENBOHM 1995). Durch den Strukturwandel und Niedergang der Landwirtschaft sowie der Schaffung von Ausgleichsflächen für Gewerbegebiete dürfte der Waldanteil an der Gesamtfläche bis heute eher zu- als abgenommen haben. Nadelwälder dominieren dabei bei weitem. Sie machten 1992 fast zwei Drittel der Waldfläche aus. Allerdings handelt es sich bei ihnen auch im Hochsauerland keineswegs um einen Teil der potentiell natürlichen Vegetation, sondern vielmehr um angepflanzte und meist intensiv bewirtschaftete Forsten. Laubwaldgesellschaften werden ebenfalls auf vielfältige Weise genutzt. Sie würden aber auch ohne menschliche Eingriffe große Teile des südwestfälischen Berglandes bedecken. Wie oben schon angedeutet, nehmen Rotbuchenwälder in diesem Zusammenhang eine herausragende Position ein. Dies hängt vor allem mit der enormen Konkurrenzkraft der Rotbuche in Mitteleuropa zusammen. Fagus sylvatica zeigt gute Wuchsleistungen auf Böden verschiedenster pH-Werte, sofern der Standort nicht staunass oder zu trocken ist. Sie besitzt weiterhin besonders als Jungwuchs ausserordentlich geringe Lichtansprüche, was ihr ermöglicht, sich im eigenen Bestand zu verjüngen, während lichthungrige Arten oftmals verkümmern. Aufgrund dieser Eigenschaft wird sie von Vegetationskundlern als Schattholzart bezeichnet. Schließlich schafft es die Rotbuche sogar, sich durch eine eigentümliche, krumme Wuchsform, dem sogenannten Säbelwuchs, auf montanen und subalpinen Standorten gegen Geröllwurf, Schnee und Wind zu behaupten.

Bei dieser Vielfalt an Standorten verwundert es allerdings kaum, dass Rotbuchenwälder in Bezug auf ihre Wuchsleistung und vor allem auf ihr Arteninventar einen ganz unterschiedlichen Charakter besitzen können. Dies wird dem Naturfreund vor allem dann auffallen, wenn er nacheinander Waldstandorte auf verschiedenem Untergrund und verschiedener Höhenbereiche aufsucht. Daher wollen wir diese Einführung in die Waldgesellschaften des Sauerlandes in Form einer Art Foto-Streifzug gestalten, der zur Nachahmung anregen soll. Wir beginnen dabei im nordwestlichen Grenzbereich des Sauerlandes und steigen nach und nach immer weiter auf, bis wir auf dem Kahlen Asten bei Winterberg (841m NN) die Höhengrenze der Rotbuche erreicht haben.

Natürlich gibt es im Sauerland auch Waldgesellschaften, welche nicht von der Rotbuche dominiert werden. Diese kommen vor allem dort vor, wo es ihr zu wechselfeucht oder zu nass ist. Auch ihnen soll in dieser Ausführung Raum gegeben werden. An manchen Standorten jedoch scheinen Boden und Feuchtigkeit für einen Buchenwald durchaus geeignet - und trotzdem findet man nur Traubeneichen oder Birken. Die Ursache hängt auch hier oftmals wieder mit dem jahrhunderte langen Wirken und Werken des Menschen in unseren Wäldern zusammen. Es ist daher für ein Verständnis der sauerländischen Waldgesellschaften nützlich, vor Beginn einer naturkundlichen Exkursion einen Blick auf ihre wechselvolle Geschichte zu werfen, mit dem wir unserem Streifzug beginnen wollen.

2. Natur- und Kulturgeschichte sauerländischer Waldgesellschaften

Von einer "Urlandschaft", wie sie einige wenige Naturschützer immer noch herbeisehnen, kann in Mitteleuropa bereits seit der Jungsteinzeit nicht mehr gesprochen werden. Die Forschung ist sich heute darüber einig, dass selbst die urtümlichsten Bergwälder des Bayerischen Waldes oder der Alpen Anzeichen historischer Waldbewirtschaftung erkennen lassen (Vgl. ELLENBERG 1996, HOFMEISTER 2004). Dies gilt auch für so manche besonders urtümliche Baumgestalt, welche die vergangenen Jahrhunderte als Weidebuche oder Überhälter in einer historischen Waldnutzungsform überstanden hat (vgl. Abb.2). Die Landstriche zwischen Nordsee und Alpen stellen also vielmehr eine alte Kulturlandschaft dar. Diese war allerdings über große Zeiträume ihres Bestehens zu einem großen Teil von Wäldern bedeckt. In einer milden Periode der Nacheiszeit, der sogenannten postglazialen Wärmezeit von etwa 7500 bis 5000 vor Chr. waren hierbei zunächst wärmeliebende Eichenwaldgesellschaften ausschlaggebend. Die Rotbuche erlangte im Rahmen einer folgenden Klimaverschlechterung, dem Subboreal ab etwa  4000 v. Chr. nach und nach verstärkte Bedeutung und konnte sich schließlich ab etwa 1200 v. Chr. großflächig durchsetzen, so dass im Zusammenhang mit dieser Periode gelegentlich von einer "Buchenzeit" gesprochen wird (ELLENBERG 1996, ROSENBOHM 1995).

Abb. 2: Diese mächtige Rotbuche am Vilser Kegel (Allgäuer Alpen) scheint nur auf den ersten Blick wie ein Rest von "Urlandschaft" in einer durch Almwirtschaft geprägten Kulturlandschaft. Tatsächlich handelt es sich vermutlich um eine "Weidbuche", die als Teil einer historischen Wirtschaftsform Schatten und Futter für das Vieh gespendet hat. Der Baum übernimmt diese Rolle noch heute. Großer Stammumfang, ausladende Krone und hohes Alter sind für Weidbuchen typisch (Henning Haeupler, mdl. Mitteilung). Foto: Chr. Schwerdt.

Die ersten Menschen, die diese ausgedehnten Wälder durchstreiften, waren meist steinzeitliche Jäger und Sammler, die nur wenige Spuren hinterließen. Die Anwesenheit mittelsteinzeitlicher Jäger ist für das Märkischer Sauerland allerdings durch Fundstätten, z.B. auf dem Großendrescheid bei Altena belegt (ROSENBOHM 1995). Gefunden wurden vor allem Gegenstände mit jagdlichem Kontext wie Messer und Pfleispitzen. Ab der Jungsteinzeit (ca. 3000 bis 1800 v . Chr.) nimmt die Zahl der Funde zu. Äxte und Pflugscharen treten zu den Jagdgegenständen, was dafür spricht, dass erste Rodungen vorgenommen wurden. Schroffe und unwirtliche Bereiche wie das Ebbegebirge bleiben von dieser Besiedlungswelle allerdings ausgenommen. ROSENBOHM (1995) nimmt an, dass es unter anderem  Schweinehirten waren, die sich mit ihren Herden in den zu dieser Zeit noch vorherrschenden Eichenmischwäldern aufhielten. Um 1200 v. Chr. endete diese erste Besiedlungsperiode einhergehend mit einem Klimapessimum des Subboreals. In diesem Zusammenhang verwundert es auch nicht, dass die nächsten Spuren menschlicher Besiedlung nach längerer Pause aus den klimatisch relativ günstigen Kalkgebieten des Nordwest-Sauerlandes vorliegen. Diese Siedler der Hallstadtzeit (bis etwa um 500 v. Chr.) kannten bereits die Eisenverhüttung und nutzten die realtiv guten Böden der Massenkalkzone für den Ackerbau. Die inneren, unwirtlicheren Silikatgebiete wurden hingegen nur wenig besiedelt (ROSENBOHM 1995). Die Siedler der Eisenzeit legten bereits beachtliche Rodungsinseln an und drängten den Wald dabei vornehmlich durch Brandrodung und Ringeln von Bäumen zurück (HOFMEISTER 2004).

Jedoch blieb auch diese Siedlungsphase nur ein Zwischenspiel. Aufgrund von Fundarmut bis in die Zeit des frühen Mittelalters muß von einem starken Bevölkerungsrückgang oder von Abwanderung ausgegangen werden. Ab dem 3 Jahrhundert siedelten "Ostfranken" im Gebiet, die Bevölkerungsdichte blieb aber wahscheinlich äusserst gering. Der Wald, nun vornehmlich Buchenwald, konnte die offenen Flächen weitgehend zurückerobern. ELLENBERG (1996) bemerkt jedoch, dass die Jahrhunderte der Völkerwanderungszeit, welche selbst in den damals relativ dicht besiedelten Landstrichen des Rheinlandes einen Bevölkerungseinbruch mit sich brachten, für den Wald nur eine kurze Erholungspause darstellten. In dieser Hinsicht war das Sauerland keine Ausnahme. Im Märkischen Sauerland lassen sich ab dem 8ten Jahrhundert nach Chr. sächsische Siedlungen nachweisen. Die Sachsen schufen nun nach und nach eine Kulturlandschaft, welche allerdings keine größeren Rodungsinseln kannte. Vielmehr betrieben sie offenbar Viehwirtschaft unter Einbeziehung des Waldes (Hutewirtschaft) und legten nur kleinere Äcker an, welche unter anderem mit dem in früheren Perioden unbekannten , witterungsbeständigen Hafer bestellt wurden (ROSENBOHM 1995). Zum ersten Mal entstand auch eine größere Anzahl von Siedlungen auf den Höhen. Dies wurde wahrscheinlich auch durch einen allmählich einsetzenden Klimaaufschwung begünstigt. Nach dem klimatischen "Pessimum" der Völkerwanderungszeit setzte spätestens etwa ab dem Jahr 1000 eine deutliche Klimaerwärmung ein, welche von Ökologen und Umwelthistorikern als Mittelalterliche Warmzeit bezeichnet wird (BEHRINGER 2007, GLASER 2008). Für den Nachweis dieser Wärmeperiode werden biologische, historische und archäologische Methoden herangezogen. Eine in diesem Zusammenhang sehr interessante, für lokale Nachforschungen geeignete historische Methode ist die Ortsnamenskunde (Toponomastik). Die Toponomastik geht davon aus, dass bestimmte Endungen von Ortsnamen jeweils für bestimmte Besiedlungsperioden typisch sind.

Im Märkischen Sauerland sind dies für die sächsische Zeit von 700 bis 800 nach Chr. z.B..:

-inghausen, -mart, -mert,  und -sel,

für die fränkische Zeit zwischen 800 und 950:

-scheid

und für die hochmittelalterliche Siedlungsperiode:

-hagen, -siepen, -berg, -stein, -bruch, -horst

(SÄMER zitiert in ROSENBOHM 1995)

Demnach wären die Orte Rosmart und Honsel beispielsweise der sächsischen, Nettenscheid und Großendrescheid der fränkischen, Horst und Düsternsiepen der hochmittelalterlichen Besiedlungsperiode zuzuordnen. Der Autor betont allerdings, dass bei der Zuordnung letztlich eine gewisse Unsicherheit bleibt, da auch später gegründete Siedlungen gelegentlich mit älteren Ortsnamen versehen wurden.

Die Forschung ist sich heute darüber einig, dass die Bevölkerung im Hochmittelalter einhergehend mit der Klimaerwärmung erheblich zunahm (BEHRINGER 2007, GLASER 2008, ROSENBOHM 1995). Als Folge dieser Bevölkerungszunahme ist in vielen Landstrichen Mitteleuropas eine Zurückdrängung des Waldes von bis dahin unbekannten Ausmaßen zu beobachten, welche gemeinhin als Hochmittelalterliche Rodungsperiode bezeichnet wird. Das das Sauerland von dieser Rodungsperiode nicht verschont blieb, beweist eine Häufung von Ortsnamen, welche mit Rodungstätigkeiten in Zusammenhang gebracht werden können. ROSENBOHM nennt hier zum Beispiel Neuenrade, Rohland (bei Einsal) und Nachrodt. Die Rodungen waren demnach mit der Neugründung von Orten oder Hofstellen verbunden. Die Annahme, das die Anzahl von Neugründungen besonders im Zeitraum des späten Frühen und Hohen Mittelalters ab ca. 950 zumindest in bestimmten Bereichen des Sauerlandes deutlich anstieg, bekräftigt beispielsweise eine toponomastische Analyse des MTB-Quadranten 4611/4 (Teile der Wiblingwerder Hochfläche mit vielen Weilern und Einzelhöfen, Einsaler Lennetal, vgl. Diagramm 1.).

Diagramm 1: Siedlungsneugründungen MTB 4611/4 ausgehend von der toponomastischen Grundlage bei ROSENBOHM (1995, vgl. oben). Man erkennt, dass die weitaus meisten Ortsnamen auf eine Gründung während der hochmittelalterlichen Rodungsperiode hinweisen.

BEHRINGER (2007) betont im Zusammenhang mit dem Bevölkerungsanstieg dieser Zeit, dass die Neugründungen des Hochmittelalters häufig auf marginalen Böden und in Seitentälern lagen. Diese Tendenz läßt sich für das Märkische Sauerland teilweise bestätigen. Orte, die sich toponomastisch oder durch  andere Quellen auf der Besiedlungsperiode zwischen 950 und 1200 zuordnen lassen liegen z.T. in Seitentälern (Endung -siepen) und in windexponierten Kammlagen (Endung -horst, -burg, -stein). Wo noch Platz war, entstanden aber auch Siedlungen in windgeschützter und relativ fruchtbarer Quellmuldennähe. In diesen günstigen Lagen, die auch Ursprungsmulden genannt werden, waren bereits ab etwa 800 viele Weiler und Höhendörfer entstanden, wie z.B. Lüdenscheid und Herscheid (ROSENBOHM 1995). Mit der hochmittelalterlichen Besiedlungsperiode erreicht das Ausmaß der bäuerlichen Siedlung seinen Höhepunkt. Die Neugründungen auch in schwer zu bewirtschaftenden Randlagen füllten nicht selten Lücken im bestehenden Siedlungssystem.

Mit Rodung und Bevölkerungszuname, Viehhaltung mit Waldweide sowie erhöhtem Brennholzbedarf ging die bewaldete Fläche im Laufe von spätem Früh- und Hochmittelalter zwangsläufig immer weiter zurück. Gleichzeitig veränderte sich, wie durch Pollenanalyse im Hochmoortorf nachweisbar ist, dass Arteninventar der bestehenden Wälder. Die Rotbuche tritt in den Hintergrund, Stiel- und Traubeneiche gewannen wieder an Bedeutung. Zweifellos hängt dies mit der Praxis des Hutewaldes zusammen. Fagus sylvatica ist sehr emfindlich gegen Viehverbiß und besitzt, einmal abgeschlagen, nur geringe Fähigkeiten zum Neuaustrieb (vgl unten). Darüberhinaus wurden Eichen oftmals zielgerichtet für die Schweinemast angepflanzt, gelegentlich als Einzelbäume (Masteichen) oder als ganze Eichenhaine (HOFMEISTER 2004).

Das die Bevölkerungszunahme und die landwirtschaftlichen Praktiken des Hochmittelalters die Eichenarten gegenüber der Rotbuche förderten, ist also nicht von der Hand zu weisen. Ob dass günstige Klima der mittelalterlichen Warmzeit die Eichen zusätzlich konkurrenzfähiger werden ließ, wird sich allerdings nicht genau feststellen lassen, da keine vom Menschen unbeeinflussten Vergleichsräume vorliegen.

Eine bereits im Altertum bekannte Waldbewirtschaftungsform, den Hutewald, haben wir oben bereits kennengelernt. Ab dem 13ten Jahrhundert sind zwei weitere Bewirtschaftungsarten für das Märkische Sauerland belegt, welche bis in das 20ste Jahrhundert hinein eine wichtige Rolle spielen sollten (SCHLÜPMANN 1991). Es sind dies die Niederwald- und die Mittelwaldbewirtschaftung. Bei der Niederwaldwirtschaft werden die Bäume im Abstand von 15-25 Jahren auf den Stock gesetzt, um danach wieder auszuschlagen. Für diese Nutzungsform eignen sich besonders Eichenarten, Hainbuchen, Birken, Erlen und Ahorn. Rotbuchen haben nur schlechte Fähigkeiten zum Neuaustrieb. Da die abgeschlagenen Bäume häufig mehrfach aus einem Stumpf austreiben dominieren bei (ehemaliger) Niederwaldbewirtschaftung in der Regel mehrstämmige Baumgestalten. Ein solcher ehemaliger Niederwald ist auf Abbildung 3 zu erkennen.

Abb. 3: Niederwaldartige Strukturen auf dem Nettenscheid bei Altena. Man beachte die aus Stockausschlägen hervorgegangenen, "mehrstämmigen" Bäume im Hintergrund. Aufkommende Rotbuchen leiten die allmähliche Überführung des Bestandes in Hochwald ein. Da noch rel. viel Licht auf den Boden dringt,  ist die Heidelbeere in der Krautschicht mit hohem Deckungsgrad anzutreffen. Foto: Chr.Schwerdt, 18.03.10.

Im Mittelwaldbetrieb wird der größte Teil der Bäume ebenfalls regelmäßig auf den Stock gesetzt, einige Altbäume läßt man man allerdings stehen. Diese werden als Überhälter (vgl. oben) oder als Kernwüchse bezeichnet. Die Kernwüchse haben dreierlei Aufgaben: Einerseits sorgen sie dafür, dass sich der Bestand durch gelegentlich aufkommende Sämlinge verjüngt. In diesem Falle darf allerdings nicht gleichzeitig intensive Waldweide durchgeführt werden. Andererseits bieten die Überhälter regelmäßige Buchel- und Eichelmast für Vieh und Wild. Aus diesem Grunde wurden gelegentlich auch Rotbuchen als Überhälter verwendet. Schließlich konnten dann und wann einige Kernwüchse herausgeschlagen werden, um Bauholz zu gewinnen. Abbildung 4. zeigt eine schematische Darstellung des Mittelwaldbetriebes, Abb.5. einen Bestand am Giershagen, der wahrscheinlich in der Vergangenheit mittelwaldartig genutzt wurde (vgl hierzu auch JUNGLAS 2001).

Abb.4: Schematische Darstellung eines Mittelwaldes. Rechts und links alte Rotbuchen als Überhälter. Dazwischen mehrstämmige Eichen, die regelmäßig abgeschlagen werden und danach wieder ausschlagen. Im Laufe der Zeit nehmen sie durch diese Zyklen krüppelartige Formen an. Zeichnung: Chr.Schwerdt, 05.12.10.

Abb. 5: Dieser Wald am Giershagen (Altena) zeigt Spuren alter Mittelwaldbewirtschaftung. Im Vordergrund mittig eine wahrscheinlich aus Stockausschlag hervorgegangene "Dreistammeiche", rechts im Hintergrund ein Rotbuchen-Kernwuchs. Foto: Chr. Schwerdt, August 2008.

Im Zuge der Nieder- und Mittelwaldwirtschaft wurde nicht selten auch die Streuschicht des Waldes genutzt. Sie wurde abgetragen (abbgeplaggt) und als Einstreu für den Stall verwendet. Im Laufe des Mittelalters und der Frühen Neuzeit führten Waldweide und Streunutzung dazu, dass viele Waldböden nach und nach stark verarmten. Anspruchslose, säureliebende Pflanzen wie Besenheide (Calluna vulgaris) und Heidelbeere (Vaccinium mytillus) konnten sich in der Krautschicht der lichten Bestände großflächig durchsetzen. In den Wald getriebene Ziegen und Schafe verhinderten darüber hinaus oftmals, dass sich der Wald in ausreichendem Maße verjüngen konnte. Gegen Ende des 18ten Jahrhunderts hatte die Übernutzung des Waldes durch gleichzeitige Nutzung von Holz-und Streu, Waldweide und fehlenden Schutz des Neuaustrieb in weiten Bereichen des Sauerlandes zur totalen Verwüstung geführt. Wälder waren großflächig zu Wachholderheiden degeneriert. Am Beispiel der Stadt Altena läßt sich diese Entwicklung besonders gut nachvollziehen. Jeder Bürger der Stadt war um 1790 berechtigt, sein Vieh zur Weide in die gemeine ("öffentliche") Mark zu treiben (LAPPE 1929). Allein in den Hangbereichen des Stadtteils Nette weideten im Jahre 1791 50 bis 60 Kühe, 40 Schafe und eine große, nicht mehr rekonstruierbare Anzahl Ziegen. Da sie auch den Stockausschlag befraßen und alsbald überhaupt kein Wald mehr aufgekommen wäre, sah man sich dazu genötigt, drastische Maßnahmen zu ergreifen. Im Jahre 1790 heißt es in einer Instruktion für die Bergaufseher Altenas: "Das Vieh, welches er in den Bergen, worin nur der geringste Ausschlag ist, antrifft, wird gepfändet, eine Ziege auf der Stelle erschossenAn Pfandgeld erhält er ... von einer Ziege aber das doppelte und ... Schußgeld, wenn solche totgeschossen ist." (LAPPE 1929 zitiert in JUNGLAS 2001).

Dennoch war die Degradierung der Wälder um 1800 bereits soweit fortgeschritten, dass viele Böden für eine gleichmäßig Verjüngung mit Eichen oder Buchen und eine wirtschaftlich lohnende Wuchsleistung dieser Baumarten zu verarmt waren. Etwa 1840 begann man daher, solche Flächen mit der standortfremden aber anspruchslosen Fichte aufzuforsten. Sie zeigt auch auf den ärmsten und flachgründigsten Böden ausreichenden Zuwuchs, besitzt jedoch mindere Holzqualität. Auch wenn Niederwälder mit Heide den bäuerlichen Waldbesitz noch etwa 100 Jahre lang dominieren sollten, gingen in der folgenden Zeit immer mehr Waldbesitzer zur Fichtenwirtschaft über. 1987 gab es im gesamten Märkischen Kreis nur noch etwa 7500 ha Niederwald (ROSENBOHM 1995). Die allermeisten dieser Bestände wachsen mittlerweile durch und gehen allmählich in Hochwald über. Alte Mittelwälder ließ man in der Regel bereits früher durchwachsen (SCHLÜPMANN 1991), sodass sie sich dem Betrachter heute nicht selten als Rotbuchenhochwälder mit eingestreuten Eichen präsentieren. Diese Laubwaldgesellschaften, welche auf eine jahrtausendealte Nutzungsgeschichte zurückblicken, sollen im Mittelpunkt der nachfolgenden Betrachtungen stehen. Beginnen wollen wir unseren Streifzug in den nordwestlichen Randgebieten und im Niedersauerland, um anschließend nach und nach bis in die "Kampfzone" des Kahlen Astens aufzusteigen.

Teil 2

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Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 28. Februar 2014 um 21:40 Uhr